M. Kruppes Vorwort zu Tomas Jungbluths „Kammerflimmern“

Zu Tomas Jungbluths unlängst für Juli angekündigter Novelle „Kammerflimmern„, dieser sprachgewaltigen Erzählung gleich einem Brief zwischen sensibler Liebeserklärung und fasertiefer Trennungsaufarbeitung einer spannungsgeladenen Borderlinebeziehung (Interview erscheint im „Outscapes„-Magazin #9 im September 2018), bedanken wir uns von Herzen bei unserem Autorenfreund M. Kruppe für sein einfühlsames und umsichtiges Lektorat sowie sein Vorwort:

„Noch einen Drink? Ein Bier vielleicht oder einen Whisky, eine Wodka-Cola? Letzteres verabscheue ich ja. Man verfälscht geistige Getränke doch nicht. Ich nehme ein Bier, Herr Jungbluth, auch, wenn ich nur stiller Zeuge Ihres dialogischen Monologes bin. Ach was…. Geben Sie mir einen Laphroaig dazu. Den Älteren bitte… Und zwei, drei Tropfen Wasser bräuchte ich, denn dann kann ich mich einigen Worten widmen, die zu sagen ich bezüglich Ihres Buches nicht umhin komme.

Merken Sie etwas? Beim Lesen haben Sie mich schon eingenommen. So eingenommen, dass ich Ihren Stil dreist kopiere, den Sie hier anwenden. Das kommt, wenn ich von einem Buch überzeugt bin, oder dann, wenn das jeweilige Buch etwas mit mir macht. Ähnlich wie hier ging es mir bislang aber selten.

Ich erinnere mich an die Bücher von Jack Kerouac, die immer eine gewisse Einstiegszeit brauchten, weil sein Schreibstil schon nicht ganz so gewöhnlich war. Ich saß oft im Café und las. Nicht selten störten laute, rücksichtslose Menschen, die meinten, dass der gesamte Raucherbereich ihr ganz privates Refugium sei und entsprechend laut sprachen. Konzentration? Fehlanzeige. Und doch … immer bei Kerouac, wenn ich das Buch weg legte, entspann sich in meinem Kopf plötzlich ein Wortgewitter, wie man es von heißen Sommertagen kennt, wenn aus heiterem Himmel in gefühlter Sekundenschnelle Wolkentürme auftauchen, die sich dann brachial entladen. So schnell hatte ich selten einen Stift zur Hand. Irgendetwas machte dieser Kerouac da mit mir. Unbewusst und vielleicht nicht einmal beabsichtigt.

Das vorliegende Buch ist ebenfalls eins dieser Phänomene und ich weiß nicht recht, ob es an der dichten Legierung von Poesie und Prosa, der Beimischung von lyrischen und auch dieser wissenschaftlichen und spirituellen Denkansätze liegt, die Tomas Jungbluth hier präsentiert, oder an seinen inhaltlichen Niedergängen, dem Ausweiden des eigenen Selbst, dessen, was Fühlen ist und von so vielen Menschen nicht thematisiert wird. Warum auch? Der Mensch hat stark zu sein und keine Mimose. Was ist schon eine Trennung? Etwas Schlimmes? Ach wo… die Frau verlässt dich und du leidest? Jetzt mach‘s aber mal halblang! Such dir irgendeine und nimm sie mit nach Hause… Ablenken ist die Devise. Und hab dich nicht so, dann war sie einfach nichts für dich, hat dich nicht verdient!

Phrasen, die wir alle kennen. Phrasen, die uns allen schon einmal, wie Phrasen nun einmal sind, garstig ins Gesicht peitschten und dabei doch nichts hinterließen.

Was aber ist, wenn ein Mann wirklich einmal eine Trennung seziert? Wirkt er dann weinerlich und schwach? Wirkt er wie eine Mimose, ein zu belächelndes Subjekt? Ich denke, dass recht viele Menschen im offenen Dialog genau das bestätigen würden. Daheim aber dann, wo die Einsamkeit auch manchmal in Gesellschaft ein Berater wird, denken viele, wenn sie ehrlich nur zu sich allein sind, anders darüber.

Natürlich darf man(n) auch Schmerz zulassen. Natürlich ist die vermeintliche Stärke, gerade der männlichen Vertreter unserer so genannten „zivilisierten“ Gesellschaft, nichts anderes als Maskerade und „Getue“. Stark ist, wer nicht fühlt. Was für ein Blödsinn. Stärke ist, was Thomas Jungbluth hier vorlegt. Thematisch, weil er sich über diese Konvention stellt, als Mann über das Fühlen zu schweigen und zum Heulen in den Keller zu gehen. Konzeptionell, weil er keine Rücksicht nimmt auf Personen, die ihn kennen und vielleicht verlachen werden. Und sprachlich, weil sich in seinem Text verschiedene Genres verbinden, die es fast unmöglich machen, das Buch in eine Schublade zu packen. Und allein das macht Kunst aus. Wenn sie nicht definierbar ist, aber anspricht.

Und mich hat sie angesprochen, Herr Jungbluth, sehr sogar. Sie hat mich mitgenommen auf den Trip in ein tief verletztes, in gewissem Sinne fragiles, aber doch auch mächtiges Ich. Und dieser Trip hat viel gezeigt. Sehr viel. Nicht nur das Borderline-ähnliche Selbstverletzen über die Ebene eines Gegenübers, das fast schon nach Masochismus roch, nicht nur die irgendwie nach Ansatzautismus schmeckende Feinfühligkeit, die hier als Hochsensibilität bezeichnet wird, sondern auch, dass wir Menschen uns mehr Mensch sein könnten, wenn wir abkämen von diesem seltsamen Dekret, stark sein zu müssen. Härte erweist sich als gesellschaftlich anerkanntes Muster einer Gemeinschaft, die so nach Weichheit schreit, heimlich… Und sehr, sehr wenige würden es offen zugeben. Vor allem dann, wenn es sich um Männer handelt.

„Mir war ab dem gewissen Point of no Return klar, dass ich dieses Buch schreiben
muss. Wie mir auch klar war, dass es eine harte Reise werden würde. Natürlich
heulte ich gerade am Anfang wie ein Schlosshund. Und natürlich glich es einem
tagelangen Tauchgang. Ich trank viel zu viel beim Schreiben, weil ich nüchtern
kaum eine Stunde Arbeit am Skript aushalten konnte. Und ja, weil da auch mein
emotionaler Wortschatz nur halb so hohen Ladepegel hat, schätze ich. Dabei will
ich weder eine Demontage noch eine Erhöhung, es musste raus aus meinem
Herzen und aus meinen Zellen, diese ganze Geschichte mit Dir, die diese so
einzigartige Bruchkante in meinem Leben darstellt und der Du für mich die
permanente Gefühlsmischung aus erstmaligem Ankommen und latenter
Gefährdung warst.“

Gut, dass Sie dieses Buch geschriebenen haben, dass Sie sich an der Vergangenheit gerieben haben und dabei kaum ein Blatt vor den Mund nahmen, Herr Jungbluth. Gut, dass Sie den Schritt gegangen sind und nun, mit Kammerflimmern Einblick in eine Auseinandernahme, eine Deinstallation einer Dualität geben und damit den LeserInnen sagen: Das, genau das, könntest auch DU sein.“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Stef Schmidt
_____________________________________________________________________________________

Mark Beneckes Vorwort zu M. Kruppes „Und in mir Weizenfelder“

Wir bedanken uns aufs Herzlichste bei Dr. Mark Benecke für sein Vorwort zu M. Kruppes „Und in mir Weizenfelder„:

„Kruppe war er ein Säufer. Er wütete, er träumte, er krauchte. Lachend, weinend, schluckend, in Licht und Gift und Sonne gebadet, oft genug mit einem fetten Schädel.

Viel Benn steckt dabei nicht in ihm, auch wenn ihn Kruppe zu den Altvorderen zählt. Doch Astern und Hirnschauer sickern hier nicht. Das ist auch gut so, denn Kruppe ist nicht depressiver Arzt und Pfarrerssohn, der mit preussischer Disziplin und dazu passendem Habitus durch die Welt schreitet. Kruppe ist Grufti. Allerdings einer, der die Sonne liebt. Der Kater hat ihm mehr als einmal das Licht ausgeknipst, und so schlägt er sich statt mit hautkranken Patient*innen, die ihn zu Tode langweilen, mit dem Jobcenter, Grundeinkommen, Zeitungsmeldungen und Mitfahrgelegenheiten herum.

Einige Abenteuer, angerichtet mit einer Messerspitze Bukowski, hat Kruppe erlebt. Es sind die Zuckerstreusel auf einem sonst ganz blinzelnden Werk. Wie durch Lamellenlücken strahlt für ihn rätselhaft Äußeres in seine Gedankenpfade, seien es Brücken im Frühling oder der freundliche Segen einer aus der Zeit gefallenen Hippiebraut in der Fußgängerzone. Solch Äußeres dringt zu Kruppe durch, es erreicht ihn kurz, doch dann verschwindet es auch wieder und macht einer Zuschauerinnen-Nase beim abendlichen Umtrunk, nach einer Lesung, Platz. Es rauscht in Kruppes Gedichten mehr als dass er rumpelt oder kracht.

Mir gefällt das. Denn wer arbeitet sich schon zeitgleich an geblendeten Youngsters, einem Bregen schnorrenden Hier und dem gealterten Karlsson ab? Well, Kruppe tut’s. Takin‘ it easy for all us sinners.

Man spürt, dass Kruppe kämpft. Seine Weizenfelder wurden Wodka. Doch vorher speicherten sie Sonne.

Viel Spaß beim Lesen.

Mark Benecke“

Das Buch kann unter unter diesem Link in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Jara Reker
_____________________________________________________________________________________

Michael Schweßingers Vorwort zu Hauke von Grimms „WortLand“

Wir bedanken uns herzlich bei Michael Schweßinger für sein Vorwort für Hauke von Grimms jüngst erschienenen Buch „WortLand„:

„Der große Filmemacher Edgar Reitz sagte einmal in einem Interview mit dem Deutschlandfunk:
„Die zweite Heimat“. Das ist das, was wir im Erwachsenenleben sozusagen durch Wahlverwandtschaften, durch eigene Entscheidungen, durch unser persönliches Wachstum auch in die Gesellschaft hinein neu begründen, für uns als Lebensraum schaffen.
Hauke von Grimms WortLand hat mich bei der Lektüre oft an diese Schaffung von Lebensraum erinnert. Wenn Hauke von Grimm gleich zu Beginn schreibt „meine Sprache ist der Ort, in dem ich Heimat erkenne“, dann sind wir mitten in dieser Suche angekommen. Manch einer mag beim Worte Heimat schon mit der Stirn runzeln und darauf verweisen, dass dieses Wort mit seiner breiten Oberfläche problematisch sei und offen für Interpretation bis hin ins abgestandene Brackwasser geistiger Borniertheit. Wenn ich während meiner Zeit in Rumänien die Menschen nach Heimat fragte, versuchte dieses Wort zu erklären, dann war die Antwort meistens, dass ich damit wohl nur die Familie meinen könnte. Ich meinte nicht die Familie, sondern diesen Sehnsuchtsort, jenseits von genealogischen Abstammungslinien.
Nun ist der Künstler immer im Zwist zwischen erster Heimat und zweiter Heimat. „Es ist nicht einfach dahin zurückzukehren, wo einen die Ursprünge auf den Weg des Lebens geworfen haben.“, schreibt Hauke von Grimm an anderer Stelle und verweist damit auf diese manchmal schmerzhaften Erinnerungen an die erste Heimat, die niemals mit unseren Wahlverwandtschaften deckungsgleich sind, und aus diesen Reibungen der Welten, zwischen Geworfenheit und Erschaffung, erscheint Sprache als Axt in der eigenen Wildnis. Schreiben als Urbarmachung von Wortland, in dem Heimat kein geografischer Ort mehr ist.

Michael Schweßinger“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Susanne Stoll
_____________________________________________________________________________________

Ralf Schönfelders Vorwort für M. Kruppes „Von Sein und Zeit“

Wir bedanken uns herzlich bei Ralf Schönfelder für sein Vorwort für M. Kruppes jüngst erschienenen Buch „Von Sein und Zeit„:

„Ich will Ihnen was verraten. Das „M“ in M. Kruppe steht für – halten Sie sich fest! – „Meister“ Kruppe. Wer jetzt an Meister Eckhart denkt, liegt richtig. Der Name ist ein kumpelhaftes Nicken von einem Mystiker zum anderen.

Was denn, was denn? Wieso der skeptische Blick? Sie glauben nicht, dass diese wilden Stories über Punks und Grufties und den Leipziger Kiez, über Chaostage und das verfluchte Geldverdienen, meistens im Vollrausch oder Halbkater verfasst, von einem Mystiker stammen? Na – Sie sind ja borniert heute Morgen!

Für mich liegt es auf der Hand: Die Texte in diesem Buch beginnen zu glühen, wenn Kruppe sich an eine mystische Erfahrung des Jetzt heranschreibt, immer wortwütiger und verzweifelter, weil sie sich einfach nicht fassen lässt. Er sitzt im Café und gibt den Fels im Arbeiterstrom, er trinkt im Garten und macht gute Miene zum Selbstbetrug der Spießer nebenan, er liegt am Lagerfeuer, betrunken von billigem Fusel. Und er spürt, wie die Grenzen der Realität durchlässig werden und er will es packen, dieses Etwas, das da gerade vor sich geht. Das Jetzt, die Wahrheit des Moments, das Gewahrsein, Jetzt, dieses Unbegreifliche, Unaufhellbare, Jetzt, wenn die Zeit weder kommt noch geht, Jetzt, dieses absolute Jetzt.

Und ich sage Ihnen noch was: Lassen wir uns nicht verscheißern von luftig gekleideten Damen und Herren aus der Eso-Ecke bei Thalia! Das absolute Jetzt hängt nicht in der Luft, es ist Teil der Erde. Kruppe ahnt es in der Natur, wie die großen Zenmeister. Dann wieder ahnt er es im ziellosen Umherwandern und in der Begegnung mit Menschen, wie vor ihm Henry Miller, noch ein mystischer Autor und einer von Kruppes literarischen Stammvätern.

In manchen Sätzen kommt Kruppe nah ran an das absolute Jetzt. Zum Beispiel, wenn er schreibt: „Der Regen kracht auf das Plastikdach.“ Beim „a“ von „kracht“, da fehlten nur noch 13 Millimeter. Dieses Dilemma hat übrigens schon William Blake gequält. Deshalb behauptete er in seinem Buch „Kiss the hunter of the green vest“, dass selbst der beste Dichter niemals näher als 7 Millimeter an das absolute Jetzt rankommt. Einerseits gibt es für Kruppe also noch Spielraum. Ist dieser Spielraum irgendwann ausgereizt, bleibt andererseits die Erkenntnis: Das Unsagbare kann nicht in Worte gefasst werden. Auch Kruppe wird diesen Stachel sein ganzes Schriftstellerleben lang im Arsch spüren.

Nun möchte ich aber mit einem Hoffnungsschimmer enden. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Autoren spontan das absolute Jetzt zu fassen kriegen, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Also, Meister Kruppe, hör nicht auf zu schreiben! Und vielleicht, eines Tages, kurz bevor dein Finger das „M“ auf der Tastatur berührt, wird Dich die Erfahrung überwältigen, dass du alle Worte längst beendet hast. In diesem Moment wirst Du dich fühlen wie ein schmelzender Koffer, der vom Himmel auf die Erde tropft. Wie gern würde ich mich dir dann wieder anschließen!

Ralf Schönfelder“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
_____________________________________________________________________________________