„Falsch erzogen“

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Rezension im „07 Gera“-Stadtmagazin
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„Solveig träumt davon, einmal berühmter zu werden als Romy Schneider, liest schon in den ersten Schuljahren Gedichte von Eva Strittmatter, mag Texte von Udo Lindenberg, schreibt selbst. Die Schauspieleri Eleonore Sattler fördert und festigt diese Liebe zu Literatur und Schauspielerei, gibt ihr Halt als die Eltern sich trennen. Doch sie wird in den Westen abgeschoben und die ohnehin wenig angepasste Solveig scheint sich zu verlieren, treibt sich mit anderen Jugendlichen in einem Abrisshaus herum. Deshalb schicken die Eltern sie ins Ferienlager. Von dort kehrt sie nach Wochen völlig gebrochen zurück, denn es entpuppt sich als eine „Tripperburg“, in denen Mädchen gedemüdigt, misshandelt und erniedrigt werden. Nun hat Solveig keine Träume mehr, schmeißt die Schule, geht arbeiten, zieht sich total auf sich selbst zurück, versucht, sich das Leben zu nehmen. Erst als ein befreundeter Regisseur ihr Tagebuch findet und aus dem Ungeheuerlichen, das er dort liest, ein Theaterstück macht, begreift Solveig allmählich…
Mona Krassu hat nach Gesprächen mit einer Frau, die selbst 1979 in eine solche „Tripperburg“ zwangseingewiesen wurde, eine atmosphärisch dichte, beklemmende Geschichte geschrieben, die den Leser bestürzt und nachdenklich zurücklässt.“
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Rezension von Buchstabenfängerin
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„…Die in Gera lebende Autorin Mona Krassu verleiht ihrer Protagonistin in einer beeindruckenden Mischung aus kindlicher Naivität und Unsicherheit eine Stimme. Kurze, prägnante Sätze dominieren den ersten Teil der Geschichte, in denen man die vielen Fragezeichen, die sich bei Solveig auftun, wenn sie es mit der Welt der Erwachsenen zu tun hat, förmlich fühlt. Mona Krassu macht mit Worten die Einsamkeit eines Kindes spürbar, das auf seine Fragen keine Antworten erhält.

[…]

Es ist unschwer zu erkennen, dass die Autorin ehrgeizig und detailliert für ihren Roman recherchiert hat. Sie hat Gespräche mit Zeitzeuginnen geführt und Sachbücher zu diesem Thema studiert.

Mit „Falsch erzogen“ wurde von Mona Krassu ein mutiges Buch geschrieben, das sich mit seinen starken Figuren und dem eindringlichen Schreibstil wie ein Pfeil direkt ins Herz bohrt und lange im Kopf bleibt.“

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Rezension von Dagmar Möbius
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„… Ein ganz normales Mädchen erlebt Eifersucht auf die nachgeborene Schwester, die beginnende Alkoholsucht des Vaters, die Trennung ihrer Eltern, den neuen Hausfreund der Mutter und Teenager-Probleme. Diese Etappen könnten Tausende erzählen. Sie wären unspektakulär, wenn sie nicht in der DDR spielen würden und somit besonders sind. Mona Krassu bildet den realen Alltag ab, sie erinnert an fast vergessene Dinge: vielbeschäftigte Erziehungsberechtigte, fragwürdige Prioritäten, aus heutiger Sicht lächerliche Rituale oder Sprachgewohnheiten.

Wie aus der tiefempfindenden Solveig eine aufsässige „Staatsfeindin“ wird, zieht sich über Hunderte Seiten. Die machen eins klar: über Nacht entfacht niemand Aufruhr. Die Bedürfnisse der Heranwachsenden werden permanent übergangen. Eine alte Dame ohne Mutterersatzambitionen zeigt ihr eine fremde Welt – und Zuwendung. Die Liebe zum Schauspiel erwacht. Als das Zuhause längst kein Zuhause mehr ist und sich das Mädchen herumgeschubst fühlt, geht sie nicht mehr zur Schule, trifft sich mit „auffälligen Jugendlichen“ und hört „falsche Musik“. Im Moment, in dem sie erfährt, was mit einer ihrer Freundin passiert ist, droht sie den Halt zu verlieren. Da ahnt die minderjährige Solveig noch nicht, dass auch sie unter Vorspielen falscher Tatsachen („Ferienlager“) in eine Klinik gesperrt wird, um ihr die Flausen auszutreiben. Angestachelt vom linientreuen Stiefvater.

[…]

Um an solch erlittenes Unrecht zu erinnern und künftigem Machtmissbrauch vorzubeugen, hat sich Mona Krassu bei ihren Recherchen diversen Selbsterfahrungen ausgesetzt.

[…]

Diese fiktive Geschichte ermöglicht Menschen mit echtem Interesse an Historie den Zugang zu unliebsamen Themen. Gleichzeitig führt sie vor Augen, wie sich Fehlentwicklungen einschleichen, an denen Kinder und Jugendliche keinerlei eigene Schuld haben. Und sie zeigt, wie banale Gegenstände oder Bemerkungen retraumatisierend wirken können. …“

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Rezension in der Leipziger Internetzeitung
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„… Wahrscheinlich ist Mona Krassu mit diesem Buch die bislang genaueste Beschreibung einer solchen Erziehung gelungen, wie sie in der DDR eher das Normale war und nicht die Ausnahme. Denn der rigide Ton der Verwalter und Funktionäre sickerte in alle Lebensbereiche ein. Meist war er vorher schon da.

Denn so erfolgreich Viktor Klemperers 1947 erschienes Buch „LTI“ war – so wenig wurde es in der DDR tatsächlich reflektiert. Außer natürlich von den Querköpfen und unabhängigen Geistern, die sich nicht scheuten, die Parallelen zum Sprachgebrauch der DDR zu sehen, der genauso durchtränkt war von unsinnigen Superlativen, dem berühmten Aküfi und – wie in Mona Krassus Buch hochemotional zu erleben – einer Technisierung selbst der persönlichsten Beziehungen.

Menschen wurden gleichgeschaltet, eingetaktet, arbeiteten in Systemen und Apparaten, Kampagnen liefen wie geschmiert oder geölt, es wurde durchgeschaltet und aktiviert. Und vor allem wurde der zu disziplinierende Mensch als zu formendes Teil oder Rädchen betrachtet, er hatte zu funktionieren, zu rotieren, Gas zu geben oder eben zu funktionieren. Und vor allem hatte er auf Linie zu sein und zu spuren. Wobei dieses Spuren schon seit den Nazis immer auch einen drohenden Beiklang hatte: „Wenn du nicht spurst …“

Und es erschreckt, aber es überrascht nicht, dass Solveigs Mutter (die sich als Kaderleiterin schon eine Position erarbeitet hat in der sozialistischen Verwaltungsbürokratie) genau diesen Satz zu ihrer Tochter des Öfteren sagt. Oft aus sichtlicher Überforderung. Aber einer Überforderung, die weniger aus dem auch durch den trinkenden Vater belasteten Alltag kommt, als aus dem äußeren Druck.

[…]

Der Titel „Falsch erzogen“ assoziiert zwar zuallererst die Sicht der DDR-Funktionäre auf die Störelemente in ihrem Staat, all die jungen Leute (Gammler und Herumtreiber), die aus Sicht der ungnädigen Partei eben falsch erzogen waren, also nicht brav, angepasst und artig. (Benutzt heute noch jemand das Wort „artig“, wenn er ein zur Bravheit erzogenes Kind meint?)

Tatsächlich passt das „falsch erzogen“ ja gar nicht, denn Solveigs Mutter und erst recht der zu drastischen Bestrafungen neigende Hartmut machen ja eigentlich alles richtig – im Sinn eines autoritären Staates, der Erziehung immer auch als Maßregelung und Bändigung verstand und dafür ein lückenloses System der Korrektionsanstalten geschaffen hat, zu dem auch die Heime und Jugendwerkhöfe gehörten. Und es war durchaus üblich, Kindern, die nicht gehorchten, mit dem Heim zu drohen: „Wenn du nicht artig bist …“

Und das Bedrückende an der Geschichte, die in weiten Passagen sehr authentisch wirkt, ist eben das Versagen der Mutter, der es nicht gelingt, ein emotionales Verständnis für ihr unangepasstes Kind zu entwickeln. Und dazu kommen dann noch reihenweise Personen aus dem Umfeld, die genauso auf ihren untadeligen Ruf als Funktionsträger bedacht sind und als emotionale Hilfe ausfallen – die Lehrer/-innen genauso wie die Nachbarn und Arbeitskollegen der Eltern. Wobei es da durchaus Abstufungen gibt – von den panischen Vollstreckern bis hin zu den in ihrer Rede Gehemmten. …“

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Rezension auf Blog „Lesenswertes aus dem Bücherhaus“
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„… *Falsch erzogen* ist ein bewegender Roman, dadurch das er in der Ich-Form geschrieben ist, kommen wir Solveig recht nah, der Leser begleitet sie von der frühen Kindheit bis zum Fall der Mauer.

Durch diese Erzählform bleibt aber auch einiges auf der Strecke. Solveig deutet viel nur an, weil sie es auch nicht wissen kann, ihrem jeweiligen Alter entsprechend, woher soll ein Grundschulkind auch wissen was die Stasi ist, was sie Nachbarn oder auch Familie erzählen darf, ohne diese in Gefahr zu bringen.

Für Leser, die die Verhältnisse in der DDR noch miterleben mussten, mögen die Andeutungen auf die Konsequenzen die Fehlverhalten mit sich bringen konnte, sofort verständlich sein, ich musste mir dann doch immer wieder bewusst machen , das Drüben, wie wir hier im Westen die DDR nannten, schon ein unbedachtes Wort Folgen haben konnte.

[…]

Auch der erschreckendste Aspekt des Buches wird zunächst nur angedeutet, Solveig wird auf Betreiben ihres Stiefvaters in eine Einrichtung gesperrt, in der Frauen und Mädchen gedemütigt und misshandelt werden, um sie auf Spur zu bringen, was genau dort mit ihnen geschieht, erfährt der Leser erst am Ende des Buches als sie mithilfe eines Freundes vom Theater dieses traumatische Erlebnis wenigstens teilweise aufarbeiten kann.

[…]

Nichtsdestotrotz, habe ich *Falsch erzogen* gern gelesen. Mona Krassu ermöglichte mir einen kleinen Einblick in das Leben eines einzelnen Menschen in der ehemaligen DDR. …“

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Rezension im „Neues Gera“
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„… In der DDR konnten Mädchen und Frauen ab dem 12. Lebensjahr in geschlossene Venerologische Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten zwangseingewiesen werden. Oft reichte dafür eine Denunziation oder der Verdacht auf eine Geschlechtskrankheit, um von der Polizei, der Heimleitung oder von den Eltern auf eine solche Station gebracht zu werden. Solche im Volksmund oft kurz und derb Tripperburg genannten geschlossenen Stationen gab es in fast jedem Bezirk.
In „Falsch erzogen“ schildert Mona Krassu, wie auf solchen Stationen ohne Aufklärung und Einverständnis der Patientinnen in die körperliche Integrität der Frauen eingegriffen wurde. „Ich möchte mit diesem Buch zum Nachdenken anregen, dass wir viele Dinge einfach hinnehmen ohne sie zu hinterfragen.“ …“

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Interview im „Outscapes“-Magazin
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Mona Krassu veröffentlichte ihren dritten Roman „Falsch erzogen“ unlängst in der Edition Outbird und damit eine umfassende Geschichte über die Entwicklung und das Schicksal eines Mädchens, das die Scheidung ihrer Eltern miterlebt und mit ihrem zunehmenden Aufbegehren gegen den Stiefvater und den Diktaturstaat DDR immer mehr in Konflikt gerät. „Falsch erzogen“ ist von einer atmosphärischen Dichte, die den Leser bald glauben lässt, selbst Bestandteil der elterlichen sowie Konflikte mit der Obrigkeit, ihrer Gespräche mit der Schauspielerin Eleonore Sattler oder ihrer Streifzüge als Herumtreiberin zu sein.

Mona, in Deinem Roman „Falsch erzogen“ greifst Du den Umgang mit geschlechtskranken Mädchen und Frauen in der DDR bzw. deren Einweisung in sogenannte „Tripperburgen“ ohne medizinische Indikation auf. Wie kamst Du zu diesem wenig bekannten Thema der DDR-Aufarbeitung?

Ich hörte dazu einen Beitrag auf MDR Kultur und war sofort gebissen von diesem Thema. Bei ersten Recherchen stieß ich auf das Sachbuch „Disziplinierung durch Medizin“ von Florian Steger und Maximilian Schochow. In mir brannten Fragen, z.B. was wurde genau mit diesen Mädchen und Frauen gemacht? Was hatte das für Folgen für ihr späteres Leben? Viele Mädchen waren noch Jungfrau und in der Pubertät, also in einem Alter, in dem sie die Geschehnisse nicht einordnen konnten und deshalb irgendwann wirklich glaubten, sie seien Abschaum und nichts wert. Ich selbst war erschüttert über die Vorgehensweise von Ärzten und Schwestern in den sogenannten Tripperburgen der DDR und entschloss mich, diesen Roman zu schreiben, um die Gräuel für andere fühlbar zu machen. Das klingt jetzt vielleicht nach Sensationslust. Mir ging es aber darum, dass wir nicht vergessen, wie viel Unrecht in einer Diktatur geschieht, ohne dass jemand wirklich hinsieht und hinterfragt. …“

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Kurzinterview in der Ostthüringer Zeitung
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„… Worum geht es in ihrem Buch, das sie am 10. September in der Geraer Bibliothek vorstellen?

Es handelt von einem wenig bekannten Thema der DDR-Vergangenheit, von der Disziplinierung durch Medizin in den sogenannten Tripperburgen. Eine solche gab es zum Beispiel in der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle / Saale. Dort hatte man Frauen und junge Mädchen zwangseingewiesen, weil sie nicht ins sozialistische System passten. Sie wurden misshandelt und gedemüdigt. Diese Tatsachen verknüpfe ich mit dem Schicksal meiner Hauptfigur Solveig Eckstein. Anfangs aus Unwissenheit, später als Auflehnung gegen ihren Stiefvater, gerät Solveig zunehmend in Konflikt mit dem Diktaturstaat DDR …“

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Lesungsankündigung in der Ostthüringer Zeitung
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„… Inhaltlich geht es um die Geschichte eines Mädchens, das zu DDR-Zeiten zwangsmedizinischen Maßnahmen in einer sogenannten „Tripperburg“ unterworfen wurde. In derartige Einrichtungen sind damals Mädchen und Frauen eingewiesen worden, die unter dem Verdacht standen, eine Geschlechtskrankheit zu haben. Ohne Einwilligung, Aufklärung und in den meisten Fällen auch ohne medizinische Notwendigkeit, sind sie dort festgehalten
und menschenunwürdig behandelt worden.

Für ihren Roman hatte Mona Krassu die Möglichkeit, mit einer Frau zu sprechen, die 1979 in die damalige geschlossene venerologische Station der Poliklinik Mitte in Halle an der Saale zwangseingewiesen wurde. „Das war das traurigste und intensivste Recherche-Erlebnis“, sagte sie kürzlich in einem Interview. …“

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Lesungsankündigung in der Ostthüringer Zeitung
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„… Anfangs aus Unwissenheit, später als Auflehnung gegen ihren Stiefvater Hartmut, gerät Solveig zunehmend in Konflikt mit dem Diktaturstaat DDR. Heimlich trifft sie sich mit anderen Jugendlichen im „Bau“, einem Abrisshaus, in dem sie die Musik von Udo Lindenberg hören, selbst Texte schreiben und musizieren. Aber die Genossen und Funktionäre in der DDR haben ihre Methoden. Sie nutzen auch die Mittel der Medizin, wenn es darum geht, junge Menschen auf Linie zu bringen. Wie Mädchen und junge Frauen in den sogenannten „Tripperburgen“ gedemütigt und misshandelt wurden, ist unfassbar. …“

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Lesungsrückblick in der Ostthüringer Zeitung
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„Zur ersten Lesung in diesem Jahr konnte Carolin Beutler, kommissarische Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz, Mona Krassu begrüßen. Die 1969 in Weida geborene und seit 1999 in Gera lebende Schriftstellerin stellte ihren Roman „Falsch erzogen“ vor.

Ihre in der DDR lebende Romanfigur, das Mädchen Solveig Eckstein, hat bereits in ihren frühen Kinderjahren viele Träume. Sie möchte eine berühmte Schauspielerin werden. Im Schlafzimmerschrank ihrer Mutter entdeckt sie einen Gedichtband von Eva Strittmatter. Obwohl sie in den ersten Schuljahren die Inhalte noch nicht versteht, liest sie die Gedichte mit Leidenschaft.

[…]

Sichtlich ergriffen die Zuhörer von Krassu, die während der Recherche eine ehemalige Poliklinik in Halle aufsuchte, in der menschenverachtende Unterbringung stattfand. Während des Schreibens sei es ihr bezüglich des Leides der Betroffenen oft sehr schlecht gegangen.“

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Rezension von Peter Wawerzinek
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„Schreiben bedeutet zuerst sich ganz dem Stoff hinzugeben. Man hat, will man eine Lebenszeit genau beschreiben, mit Seele und Köper zu recherchieren. Man muss sich angreifbar nackig machen. Anders, als sich etwas dabei zuzumuten, gelingt es nicht, sich in die Vergangenheit zurück zu werfen.
Was mich zutiefst an dem Buch von Mona Krassu fasziniert, ist ihre Entschlossenheit, mit der sie bei ihrer Recherche vorgeht. Zitat: Meine Recherchen führten mich mehrmals nach Halle/Saale. Ich selbst war so verrückt, mich bis spät in die Nacht im „Kühlen Brunnen“ (Gasse unweit der Poliklinik Mitte) auf einen Klapphocker zu setzen. In einer fremden Umgebung, um mich herum Dunkelheit und Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte. Ich hielt es knappe zwei Stunden aus, die sich wie mindestens fünf anfühlten. Wie sehr sie sich ganz ähnlichen Selbstversuchen ausgesetzt haben mag, blitzt bei der Lektüre oft genug auf. Hier hat sich eine voll ins Zeug geworfen und ist durch Hecken gegangen, ohne auf Kratzer und Verletzungen zu achten. So und nicht anders hat Wolfgang Hilbig es einmal als einziges Vorgehen beschrieben. Man darf nicht heil wieder aus der Rückbesinnung kommen. Die alten Wunden müssen noch einmal lebendig werden und wie eben zugezogen bluten.
Es ist mir zum einen so oft, als würde ich in einem alten Tagebuch blättern. So genau und detailliert werden hier damalige Zeiten und Verhältnisse geschildert. Ich bin bei einer Familie zu Gast, lebe unter ihrem Dach, sitze mit allen an einem Tisch und kann mich in dem Buch wie in ihrem Heim bewegen. Mehr noch: Ich werde in eine Fernsehserie integriert, bin Teil der Handlung und stets live und mittendrin. Seite für Seite erlebe ich die Geschehnisse aus nächster Nähe mit, wie von der Autorin als ein Geschwisterkind an die Hand genommen. Sie weist mir einen unsichtbaren Platz zu. Von der ihm zugeteilten Warte aus kann die gesamte Leserschaft jeder fein für sich sämtliche Gespräche mitverfolgen. Mehr noch gelingt es der Autorin die Vergangenheit wie ein brandaktuelles Stück Jetzt zu präsentieren.
Was für Mona Krassu ein Leidensweg war, wird den anderen kommenden Generationen nicht erspart bleiben und von ihnen genauso barfuß zu gehen sein. Denn das Vergangene ist nicht vergangen, das Zukünftige findet schon wieder statt. Alle durchgespielten Lebenssituationen, von denen der Mensch meint, sie wären ihm vor mehreren Jahrzehnten passiert, sind nicht abgehandelt und erledigt. Was war und scheinbar stattgefunden hat, stößt uns erneut zu. Von wahrhaft, schmerzlich, aufgeregt, fassungslos bis wütend reicht die Skala der Emotionen, die nötig sind, um schließlich genügend entschlossen ans Werk der Befreiung zu gehen.
Das gesamte Buch durchweht ein erfrischender Wind von Widerstand. Es fällt mir keine besseres Wort als der Begriff „gänsehautnah“ ein, um Denken und Fühlen als so nahegehend wie in diesem Buch zu benennen. Wir erleben den inneren Aufruhr vor dem fälligen Ausbruch. Die letzte heftige Grundstimmung lässt uns gern erahnen, mit welcher großen Gelassenheit dann zur Tat geschritten werden wird. Man ist im besten Sinne von der Berichterstattung mitgefangen genommen. Was für das Buch spricht, ist die Tatsache, dass man mit dem Beginn der Lektüre aus seiner eitlen Leserposition heraus ins Geschehen hinein katapultiert, sofort ein Familienmitglied ist. Ich wechselte als ihr Leser gern und bereitwillig mit Mona Krassu in alle von ihr aufgezeigten Handlungsverläufe hinüber. Ich hielt mich so gern in diesem Roman auf, der mit dem Fall der Mauer plötzlich, aber gar nicht unerwartet aufhört. Mir war nach dem Lesen, als befände sich die gesamte Literaturwissenschaft auf dem Hohlweg, wenn sie weiter wie bisher eifrig nur immer nach dem Nachwenderoman fahndet. Besser wäre es doch, man wendete sich endlich dem besten Vorwenderoman zu, und hat mit Krassus Buch schon den ersten Anwärter auf jenen neu zu benennenden Titel.
Wichtiger scheint mir bei der neuen Suche nach dem leidigen Wendebuch die Erkundung des Vorherigen. Was den Bruch mit den Verhältnissen betrifft, ist doch der Weg mit dem großen Hammer zur Mauer hin, relevanter, als was nach dem die Mauer eingeschlagen worden ist die Mauerspechte an ihr herumpickten. Bei Mona Krassu ist haarklein nachzuerleben wie es zu dem historisch einmaligen Bruch des Volkes mit seiner Regierung kam. Wir bekommen mit ihrem Roman exakt beschrieben, warum sich die Kinder und Enkel des Staates von den Müttern und Vätern lossagten. Die Aufmerksamkeit wird hier auf jene für harmlos gehaltenen Erlebnisse und still erlittenen Ungerechtigkeiten gerichtet, die insgeheime Kräfte bilden. Und es darf dann niemanden mehr verwundern, dass die Gedemütigten schließlich zur Tat schreiten und sich anschicken rücksichtslos und konsequent aus dem scheinbar festen Familienbünden auszubrechen wie wir es von Mona Krassu aufgezeigt bekommen. Wir prekär und explosiv die gesamte Situation vorher schon für alle war, lässt sich mit diesem Zitat treffend schildern: Auf meiner alten RUF-Schreibmaschine tippte ich nachts Flugblätter ab, mit Durchschlagpapier. Ich glaube, ich hatte großes Glück, dass die Wende kam. Rechtzeitig den Absprung geschafft, selber zum Flugblatt geworden und ein wunderbares Buch aus ihnen geformt. Falsch erzogen womöglich, aber dann trotz allem alles richtig gemacht.“
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„Falsch erzogen“ in unserem Onlinestore: bitte hier entlang.
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