„Liber Thanatamor“

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Kurzrezension von Ines L.
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„Die ersten Geschichten schon verschlungen… suuuper. Aber ich halte es wie bei guten Pralinen… nicht alles auf ein Mal, sondern häppchenweise aufteilen… auch wenn es schwer fällt.“
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Rezension von Vanessa-Marie Starker
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„Allein bei dem Wort Magie denken wir oft an Roben tragende Zauberer, Hexen mit spitzen Hüten oder verwunschene Orte, denen nachgesagt wird, dass phantastische Kreaturen dort leben. Wir denken an Zaubersprüche, deren Wirken sich außerhalb der physikalischen Gesetze bewegt oder an überholte Annahmen, die für unseren wissenschaftsorientierten Verstand primitiv und abergläubisch erscheinen. Wir neigen dazu Magie als etwas der Phantasie Entspringendes, Irreales zu betrachten. Doch kann Magie schon in den alltäglichen Dingen stecken und uns so die phantastische Seite des Lebens offenbaren, die wir mit dem Erwachsenwerden verlernt haben, zu sehen. So können beispielsweise Tod und Liebe etwas durchaus Magisches inne haben. Diese Themen kommen auch in phantastischer Literatur vor, da dort Phänomene außerhalb des Erkenntnishorizonts statuiert werden. Daher finden sie sich auch im Programm des Verlages Edition Outbird. Dieser Verlag hat sich vorgenommen, Kunst und Literatur fernab des Mainstreams eine Plattform zu bieten.

Innerhalb dieses Verlagsprogramms erschien auch der Erzählband Liber Thanatamor – Das Buch von Tod und Liebe (2020), das literarische Debüt des ehemaligen Chefredakteurs des TätowierMagazins Dirk-Boris Rödel.

Der Erzählband umfasst insgesamt siebzehn Kurzgeschichten, die stehts zwischen den beiden Themen Tod und Liebe pendeln und sie vereinzelt sogar miteinander vereinen. Die namensgebende Geschichte gehört der Kategorie Visionen an und verarbeitet die Themen innerhalb einer Genesisgeschichte, die im sprachlichen Stil an Texte der Bibel angelehnt ist. Die Geschichten sind in drei Kategorien unterteilt: Dramen, Visionen und Unfug.

Dadurch, dass die Geschichte titelgebend ist, werden sämtliche Geschichten in einem einheitlichen Erzählkonstrukt verortet. Durch diese Namenswahl verortet der Titel die magischen Geschichten, die teilweise – vor allem in den Dramen – auch einen gewissen historischen Kontext aufweisen, motivisch in einer einheitlichen, magischen Welt. Als übergeordneter Titel steht diese Geschichte immer ein bisschen über den anderen und schafft innerhalb der aufgegriffenen Motive immer einen gewissen Bezug. Es fällt auf, dass es sich bei den Kategorien Visionen und Unfug, anders als bei den Dramen, nicht um literarische Gattungen in dem Sinne handelt. Vielmehr trennen sie sich inhaltlich von den Dramen ab. Die Magie, als alles durchströmendes Wirken, tritt innerhalb der Visionen stärker in den Vordergrund, ist aber auch in den Dramen und im Unfug als solches präsent. Unter Unfug finden sich vor allem humorvolle Geschichten.

Das Einhorn von Magdeburg ist eine der Geschichten aus der Kategorie Dramen, welches Magie und Tod miteinander vereint. Dabei geht es um folgende Person: Jakob ist ein Söldner im dreißigjährigen Krieg. Er tötet, raubt und plündert. Als er sich an einem Waldrand vor Magdeburg erleichtert, bemerkt er ein blindes, junges Mädchen, das verletzt und allein hinter einem Busch kauert. Sie kommen ins Gespräch und das erste Mal nach zehn Jahren hinterfragt Jakob sein Verhalten während des Krieges. Als das Mädchen erklärt, dass es im Wald auf ein Einhorn wartet, welches sie heilen und von ihren Schmerzen befreien soll, fasst Jakob einen Entschluss. Innerhalb des Gesprächs denkt Jakob öfter an den Tod seiner eigenen Familie zurück und wie er zu dem gewalttätigen Söldner wurde, der er nun ist. Doch weckt das Kind und seine Geschichte in ihm wieder ein Fünkchen Menschlichkeit. Das Ende fällt dabei genauso überraschend aus, wie bei manch anderen Geschichten. Es zeigt sich, dass die titelgebenden Motive nicht nur Sterbliche betreffen, sondern auch Unsterbliche wie bei der Geschichte Die Beschwörung, bei der auch ein Dämon selber erkennen muss, dass er sich gewissen Gesetzmäßigkeiten fügen muss. Eshfaroth ist ein Dämon, der durch ein Ritual auf einen Friedhof gerufen werden soll. Nachdem sein Kollege Urrkhat ihn darüber informiert hat, beginnt Eshfaroth jedoch, sich darüber zu beschweren, wieso sie ständig von irgendwelchen Gruftis oder Goth‘ auf kalte, regnerische Friedhöfe gerufen werden. Sie schwelgen in Erinnerungen an die „gute alte Zeit“, als sie noch in prachtvolle Salons gerufen wurden. Zwischen den beiden Dämonen entsteht eine Diskussion, als Eshfaroth versucht einen Grund zu finden, wieso er trotz seines Zwangssiegels nicht erscheinen muss. Dieser Debatte schließt sich ein dritter Dämon an und Eshfaroth beginnt zu überlegen, was schon passieren könnte, wenn er sich schlichtweg weigern würde. Keiner der drei weiß eine Antwort auf die Frage. Auch hier endet die Geschichte mit einem überraschenden Twist, der die allumfassende Wirkmächtigkeit der Motive darstellt.

Neben Einhörnern und Dämonen finden sich in den Erzählungen auch andere magische Motive und Figuren wieder, wie Hexen, Nachtmahre und Teufelspakte. Obwohl sich die Geschichten also verschiedener magischer und märchenhafter Motive bedienen, wenden sie sich doch immer wieder dem Tod und der Liebe zu und gerade die Dramen hinterlassen den Leser mit ihrer thematischen Mischung aus Liebe und Tod oft auch mit einem regelrecht bittersüßen Gefühl.

Der Erzählband bildet eine Sammlung moderner Märchen, die den Leser daran erinnern, dass es sich lohnt, nach der Magie im Alltag Ausschau zu halten. Außerdem zeigt er auf, dass Magie nicht immer etwas mit zauberstabschwingenden Zauberern zutun haben muss, sondern dass sie sich als eine Art Aura in jedem Menschen verbergen kann und als Ausstrahlung den Raum erfüllt, sobald sie ihn betreten.

Innerhalb der siebzehn durchaus abwechslungsreichen Geschichten ist für jedes Gemüt, welches eine gewisse Offenheit sowohl für Happy Ends als auch für Sad Ends, etwas dabei.“
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