„Kokon“

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Rezension von Franziska Appel
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„René Porschens „Kokon“ ist wohl eines der eigenartigsten Bücher, das ich bisher in den Händen hatte. Irgendwann dachte ich: „Der Typ verarscht mich doch!“, nur um mich später selbst dabei zu ertappen, wie ich, eingehüllt in diesem Kokon aus Worten, aufs Glatteis geführt wurde. Chapeau, Herr Autor, das ist Ihnen bei mir grandios gelungen!
Bei diesem Buch ist der Inhalt zweitrangig, weshalb ich auf die sonst für Rezensionen typische Inhaltsangabe verzichten möchte. Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist seine Sprache: Und diese ist so gar nicht komfortabel, sondern anstrengend, da ihr zunächst jeder Sinn abhandenzukommen scheint. Dieses Buch verlangt nach Mühe und Durchhaltewillen, denn der Autor treibt hier ein Spiel. Er fordert heraus, neckt und piesackt. Die Lesenden begrüßt ein „charybdisches Chaos“, wo beispielsweise der „koronengekrönte […] Geburtskanal der irdischen Schöpfung am Horizont pulsiert […]“ und sich mir Fragen aufdrängen wie beispielsweise, ob ein Körnchen Erdreich überhaupt eine temporäre Singularität sein kann? Ist temporär und Singularität nicht ein Widerspruch in sich?… Kurz bevor mich dieses vermeintlich hochtrabende Gestammel endgültig dazu bringt, das Buch in die Ecke zu werfen oder von nun an unangetastet im Regal verstauben zu lassen, ging es mir wie Chairon, der „versuchte, sich seinen Geduldsfaden nicht vom experimentellen Lallen des unbekannten Onomatopoeten aufweichen zu lassen, als sich wie durch ein Wunder, das freilich durch die Erfolgswahrscheinlichkeit statistisch abwägbarer Kumulationsprozesse schon antizipiert wurde, hier und da einige beinahe passende, freilich einfache, Wörtchen aus dem Gemurmel herausdestillierten, die sich mit einigem guten Willen durchaus als Rohmaterial syntaktischer Konstrukte verwenden ließen, die, mochte man sie nur von der Absurdität der Situation entkoppeln, schon ein bisschen so etwas wie einen Sinn ergaben.“ (S. 40). Und spätestens irgendwann zwischen Seite (oder meinetwegen auch „Schriftrolle“) 68 und 105 dämmert es wohl allen, die sich dieses Spiel bis dahin gefallen ließen, dass sich der Autor womöglich bewusst einer Sprache bedient, „die seine Suche nach Sinn und Geschichte, nach einer Erkenntnis und höheren Botschaft lautlos verhöhnten und ihn allmählich hypnotisiert […].“ (S. 98)

René Porschen hat es geschafft, in seinem Kokon den Prozess des Lesens parallel nachzuzeichnen und damit ein Werk geschaffen, das sich selbst beschreibt und uns Lesenden den Spiegel vorhält – und all das eingepackt in die Memoiren eines Kokons:

„Er schlug die nächste Seite auf und kraxelte mühselig durch ein undurchdringliches Unterholz sakralen Selbstmitleids, mit dessen Dornenranken der tote König seine kleine Erzählung so fest umwickelt hatte, dass es einem jeden Leser nur unmöglich sein musste, hieraus eine chronologisch geordnete Struktur der Ereignisse herausexzerpieren zu können – von einem Kerngedanken ganz zu schweigen.“ (S. 97)

Nein, dieses Buch ist gewiss nicht komfortabel. Die Worte und Satzkonstruktionen laden nicht zum flüchtigen Lesen nebenbei ein. Es ist kein Buch für zwischendurch, sondern ein Buch für die Mußestunde am Ende des Tages und für Menschen, die sich gerne diesem außergewöhnlichen Spiel mit der Sprache hingeben möchten, die bereit sind, sich treiben zu lassen, ohne sofort den Sinn und die Handlung zu hinterfragen.“
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Interview im „Outscapes“-Magazin
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„… Wenn Du gebeten würdest, in wenigen Worten die Handlung wiederzugeben und auszusagen, was Dein Buch von anderen unterscheidet, was sein literarisches Aroma ausmacht und welche Inspirationen seitens anderer Werke mitschwingen – was würdest Du antworten?

„Kokon“ ist ja an sich recht handlungsarm, muss ich sagen. Es geht um einen Kokon, ein Überbleibsel einer Metamorphose, ein aufgerissenes Außen, das auf einmal mit etwas konfrontiert ist, das er/sie/es nicht kennt: Leben, Bewusstsein, Fragen und Verzweiflung. Der Rest, oder besser: der Kern der Geschichte ist sprachliche Zerstreuung, Konstruktion, Ablenkung, Abzweigung, Sinnführung, Sinnfindung und Sinnverlust; ein Sprechen von „der Welt“, die der Kokon wahrzunehmen glaubt, und die er versucht, sich be-greif-lich zu machen, ihr Geschichte zu geben.

Um die Frage zu beantworten, welche Werke mich am meisten beeinflusst haben:

Eines der ersten Bücher, das ich las, war „Die unendliche Geschichte“. Ich denke, das Buch hat damals schon diesen Drang nach Eskapismus, auch danach, irgendwie etwas besonderes zu sein, in mir geweckt. Das schreibt sich irgendwie in allen Beschäftigungen fort.

Darüber hinaus ist dieser Eskapismus weiter von Arno Schmidts teils recht experimentellen Texten auch sehr gut bedient worden. Ich lese tatsächlich nicht extensiv oder überdurchschnittlich viel, neige jedoch dazu, den Text selbst als organisiertes – wenn auch manchmal konfuses – System zu betrachten. …“

Zum kompletten Interview im „Outscapes“-Magazin folgen Sie bitte diesem Link.
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Rezension von Vanessa-Marie Starker
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„Der Surrealismus umfasst ein breites künstlerisches Spektrum, welches sich auf besondere Weise mit dem Unterbewussten, Träumen und Visionen auseinandersetzt. Jedoch ohne erklärende Wege für eine Reise durch dieses bunte Gewirr aus Sinnen und Sinneswahrnehmungen vorzugeben. Vielmehr stehen sie als eine Art Ausgangsbasis für künstlerische Produktionen. Diesem Leitfaden folgend, entführt das Debüt des Erfurter Literaturwissenschaftlers René Porschen den Leser in eine fraktale Anderswelt, in der man in die phantastischen Träumereien und die Hybris eines Wesens eintaucht, welches eigentlich gar nicht existieren dürfte und somit der wirren und widersprüchlichen Existenz selbst den Spiegel vorhält.
Da im Roman Phänomene außerhalb des Erkenntnishorizonts thematisiert und verschiedene Erkenntnisfragen angesprochen werden, lässt es sich grob als phantastische Literatur bezeichnen. Auch, wenn es sich einer genauen Genrezuordnung weitestgehend entzieht. Jedoch lässt sich definitiv sagen, dass Kokon fernab des Mainstream anzusiedeln ist, daher bettet es sich sehr gut in das Programm des Verlages Edition Outbird, der sich als Plattform für eben solche Kunst versteht. Der Roman des angehenden Doktors der Literaturwissenschaft erschien im Frühjahr 2020 im Verlagsprogramm.
Ein verbrauchter Kokon erwacht zum Leben. Er hat seinen Soll erfüllt, der Schmetterling hat sich entwickelt und seine Hülle verlassen. Doch anstatt auf den Waldboden zu fallen und dort zu verrotten, bildet sich ein Bewusstsein in ihm aus. Dabei interessiert ihn nicht, wie es dazu kommen kann, dass ein eigentlich so lebloses Ding wie er es sein sollte, ein Bewusstsein entwickeln kann. Genauso wenig interessiert ihn der Schmetterling, der sich in ihm entwickelt hat. Er ist. Und das ist alles, was für ihn wichtig ist. Die Tatsache seiner Existenz ist gleichzeitig das, was seine Existenz ausmacht und ihren Dreh- und Angelpunkt bildet.
Doch wohin mit den Gefühlen und Gedanken? Nach einem ersten Rückschlag findet der Kokon Unterschlupf und Zuhause in den Armen einer resignierenden Ameisenkönigin. Ineinander finden sie Trost und Verständnis und ihr Volk wird sein Volk. Er beginnt, sich im Nest der Ameisen einzunisten und spannt sie für sein ebenso phantastisches wie dekadentes und utopisches Vorhaben ein.
Der Kokon teilt wohl mit jedem Leser den Wunsch, nicht in Vergessenheit zu geraten, sondern in seinem Leben irgendetwas zu schaffen, was ihn in der Erinnerung weiterleben lässt. Dabei erreicht der Wunsch des Kokons so übertriebene Ausmaße, dass er sich letzten Endes so weit darin verliert, dass er nicht dazu kommt einen realistischen Plan zu fassen und umzusetzen. So scheitert sein Größenwahn wohl an seiner eigenen Unzulänglichkeit.
Der Geschichte ist ein kurzes Gedicht voran gestellt, welches den gleichen Titel trägt, wie die Erzählung selbst. Es bereitet den Leser auf den unscheinbaren Mikrokosmos vor, in den ihn die Geschichte entführt und erinnert daran, wie viele schöne Dinge es gibt, deren Schönheit niemals erkannt wird. Der Kokon mit seinen Phantastereien scheint selbst so eine Ding zu sein, dessen Schönheit unerkannt vergeht. Im Laufe der Geschichte referiert der Erzähler selbst über die Fülle an Geschichten, die ungehört und unerzählt bleiben. So zieht er von der im Stillen vergehenden Schönheit einen Kreis zu den Geschichten, die niemals erzählt werden und bettet den Kokon irgendwo dazwischen ein.
Porschen erzählt diese Geschichte mit einer ausgesprochen exzentrischen Sprachmalerei und Liebe zum Detail. Teilweise sind die Worte, die er dabei wählt, so ausschweifend und blumig, dass der Inhalt für einen kurzen Moment in den Hintergrund tritt, um der Schönheit der Sprache Raum zu machen.
Letzten Endes vergeht der Kokon genauso schnell und unerkannt, wie er auch entstanden ist. Innerhalb der Erzählung eröffnen sich Existenz- und Sinnfragen, die wohl auch dem Leser schmerzlich vor Augen führen, dass er keine Antwort darauf zu geben vermag. In seiner unvollendeten Abgeschlossenheit wirkt Kokon wie ein fragmentarisches Kondensat philosophischer Fragen und all der Dinge, deren Überlegungen zwar anstößt, jedoch nur selten den Mut aufbringt, sie auch zu Ende zu denken. Wer dazu bereit ist, sich auf eine solche Reise einzulassen, die den Leser mit mehr Fragen als Antworten und einem Gefühl für die eigene Unzulänglichkeit zurück lässt und einen hohes Maß an sprachlicher Verschrobenheit und Schönheit aufweist, dem kann ich das Buch nur empfehlen.“
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„Freitagsfische“ in unserem Onlinestore: bitte hier entlang.
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