Oliver Schmales Vorwort zu Dr. Michael Haas´ „Kritische Masse“

Zu Dr. Michael Haas´ Roman „Kritische Masse – Ein Parlamentsroman“ bedanken wir uns herzlich bei Oliver Schmale für sein Vorwort:

„Literatur ist ein langsames Medium. Bis gesellschaftliche Ereignisse in Worte verpackt werden, kann es oftmals dauern. Ganz besonders, wenn Bücher politische Themen behandeln. Politische Bücher gibt es viele. Aber nicht alle sind fesselnd und gut. Politische Romane werfen einen Blick über den Tellerrand, regen zum Nachdenken an, sind teils witzig, teils tragisch, teils fiktional, teils auf wahren Begebenheiten beruhend. Der Roman „Kritische Masse“ von Michael Haas ist rein fiktional und sehr lebendig und ansprechend geschrieben.

Die pointierte Analyse steht hier nicht im Vordergrund. Aber schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass das politische Buch von Michael Haas wie ein Seismograf ist. Es nimmt fast unmerklich etwas auf, was unter der Oberfläche grummelt: Das Leben der Mächtigen und solcher, die es werden wollen. Komme, was wolle. Um jeden Preis. Ein Leben, in denen auch Satyrn eine Rolle spielen, dämonenhaft zügellos, widerlich und abstoßend. Und immer wieder ein Leben jenseits der Moral, geprägt von Gier, Neid, Bosheiten. Wer hätte es gedacht: einfach asozial. Die Welt, die es draußen vorzufinden gibt, spiegelt sich auch im Kleinen wider, mit allen Facetten, hier im vorgeblichen Landeszentrum der Macht in Sternheim, das der Romanschreiber äußerst geschickt und mitreißend in seiner sprachlich geschliffenen und angenehm intellektuellen Art, Schicht um Schicht, entlarvt und freilegt.

Bei aller Fiktionalität wird klar, dass es dennoch Verweise gibt, wenn auch ungewollt, auf die landespolitische Szene Baden-Württembergs der 2010-er Jahre. Es ist die Zeit, als die CDU nicht mehr den Ministerpräsidenten stellt, die Grünen in die Regierungszentrale einziehen und SPD und FDP massiv an Bedeutung verlieren, und mit der AfD die Rechtspopulisten in der zweiten Hälfte der zweiten Dekade in diesem Jahrhundert in das Parlament gelangen.

So mancher Romanschreiber ist eigensinnig und lässt sich nicht gern etwas abverlangen. Er lässt sich auch nicht etwas vorschreiben, weil er seinen Stoff selber sucht. Und den fand der Autor unmittelbar und hautnah und ohne lange Suche: Zum Stoff ist Michael Haas durch seine frühere Arbeit bei einer Landtagsfraktion gekommen. Er gewann hier die tiefen Einblicke, die nicht fehlen dürfen, um einen Roman besonders gut nachvollziehbar werden zu lassen.

Dass Politik sich manchmal als Realsatire darstellt, ist leider so und macht es umso interessanter und in der überspitzten Erzählmanier, wie im vorliegenden Fall, auch absolut amüsanter. Hier setzt der Autor beim Leser an, in dem er ihn unmerklich beim Miterleben der Szenen und Szenerien zum Nachdenken auffordert. Haas selbst sagt: „Dieser Roman ist nicht nur Satire, Sittengemälde und kritisches Manifest, er appelliert auch an die Leserinnen und Leser, mit wachen Sinnen ihre Politiker – deren Arbeit, Motive, Ziele und Intentionen – kritisch zu reflektieren: im Idealfall konstant und nicht nur eine Woche, bevor die nächste Wahl stattfindet. Wir alle sind Korrektiv und Richter über die Akteure der politischen Welt. Wir sollten sie nach dem bewerten, was sie tatsächlich unternehmen, um das Leben der Menschen zu verbessern, und wir sollten wachsam sein, heute mehr denn je“, hofft Haas.

Biografische Züge gibt es in dem Roman nicht. Aber der Autor transportiert so manches Erlebte. Der Autor zieht seine Kreise immer weiter, wenn er seine Sicht der Dinge in Form der Hauptfigur des David Davidson erzählen lässt, den er als Salon-Bolschewisten bezeichnet. Dieser wisse, dass nur jene die Welt verändern, die selbst Initiative entwickelten, und genau das sei ihm nicht gegeben, so der Autor. Für ihn ist das Buch eine Art Befreiungsschlag. „Während meines Gastspiels in der baden-württembergischen Landespolitik wurde mir von verschiedener Seite vorgeworfen, ich sei viel zu sehr Bohème, um mich für die Niederungen der Politik zu begeistern. Dieser Vorwurf ist berechtigt. Ich hoffe sehr, nie wieder Menschen nahezukommen, deren Ego sich über ihre hierarchische Stellung im Politikbetrieb definiert. Oder über die Ambition, eine höhere Stellung zu bekleiden.“

So darf der Leser David Davidson bei seiner Arbeit im fiktiven Sternheimer Landtag begleiten und erfährt, welch überaus buntes Menschenvölkchen heutzutage ein Parlament ausfüllt und wie sie arbeiten. Denn: Wie in jeder Branche gibt es sie auch in der Politik, die „intrigierenden, selbstverliebten Zwerge, die glauben, ein großer Schatten verleihe ihnen die Macht von Riesen“. Die Macht ist aber nur auf Zeit vergeben und kann bei der Neuwahl abrupt beendet werden.

Die Einblicke in den Sternheimer Landtag dürfen, ja, sie müssen aufrütteln. Denn, wie sagt man, das Leben schreibt die besten Geschichten. Und derlei Erlebtes ist so verrückt, dass es keiner besser erfinden könnte. Michael Haas jedenfalls gelingt es mit seinem Roman und seiner fiktiven Wirklichkeit, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten. Und demnach scheint das Zentrum der Macht nicht immer ein Vorbild zu sein, denn es tummeln sich auch Menschen in ihm, die sich Politiker nennen, aber leider kein Zoon politikon sind, ein auf die Gemeinschaft hin bezogenes soziales Wesen, sondern ein teils irrwitziges Streben nach Schlagzeilen an den Tag legen, wann immer sie wollen, egal, ob Feiertag ist oder nicht.

Hier kann der Leser nur begrenzt teilnehmen, denn derlei Blicke hinter die Kulissen sind nicht jedem vergönnt und seien sie hier auch nur fiktiv nachgezeichnet. Dennoch scheint auch schon genug vom Wesen und Wollen so mancher Politiker durch, etwa bei Pressekonferenzen, die man im Fernsehen verfolgen kann oder im Zuschauerbereich des Landtags.

Den Irrwitz aber – auch im politischen Alltag – wird es wohl immer geben. Nicht immer ploppt er hoch an die Oberfläche. Der Roman von Michael Haas aber hilft den Blick zu schärfen für die Realsatire, die Tag für Tag auch politisch vorgelebt wird. Und für die Satyrn, die es auch in Sternheim und anderswo gibt.

Wohl dem Autor, der wie Michael Haas mutig die Skrupellosigkeit solcher Machtgefüge entlarvt, weil er noch Moral, Prinzipien und Anstand besitzt und dieses wertvolle Gut auch für sich erhalten möchte. Trotz aller Enttäuschungen über das machtversessene Verhalten von Politikern hat er den Glauben an schönere Gestaltungsmöglichkeiten im Interesse der Menschen, der Freiheit und der Gerechtigkeit noch nicht verloren, jenseits des Provinztheaters in Sternheim und anderswo.

Oliver Schmale, freier Journalist“

„Kritische Masse – Ein Parlamentsroman“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
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