Holger Muchs Vorwort zu M. Kruppes „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“

Zu M. Kruppes Lyrik- & Kurzgeschichtenband „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ bedanken wir uns herzlich bei Holger Much für sein Vorwort:

„Kruppe schaut hin.

Die erste Begegnung, die ich mit M. Kruppe hatte, fand vor nun doch schon geraumer Zeit in Karlsruhe und dort wiederum in Mozarts Garten statt. Später sorgten Kruppe, Benjamin Schmidt und David Gray im durchaus malerischen, wenn auch etwas sinistren Keller des Umbra-et-Imagoschen Anwesens für eine legendäre Lesenacht, während ich selbst dort einige meiner Bilder ausstellte.

Zuerst aber gab es im von einem kleinen sympathischen Urwald umgebenen Pavillon Willkommensgetränke. Bei vom bestens gelaunten und derbe Schwänke zum Besten gebenden Hausherrn serviertem Bier, bei Cola und Kaffee plauderte man angenehm in den dunkelkulturelle Genüsse versprechenden Abend hinein. Und schon damals hat mich der erste Anblick von Herrn Kruppe nachhaltig beeindruckt – ringgeschmückte Finger, schwarze Weste und nach hinten gekämmte Haare summierten sich für mich zum faszinierenden Bild eines Poeten mit stilvollem Rockabilly-Punk-Flair.

Der optische Eindruck sollte sich später bei der Lesung bestätigen sowie bei zahlreichen späteren Begegnungen verfestigen. M. Kruppe ist im besten Sinne ein Poet der Straße, ein Poet der kleinen flüchtigen Alltagsaugenblicke und der Geschichten jenseits der großen Worte.

So widmet er auch seine „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ jenen Schicksalen und Momenten, die andere nicht einmal wahrnehmen. Das tut er mit poetischer Schlichtheit und Ehrlichkeit, manchmal mit Schmerz im Herzen, manchmal mit interessierter Distanz. So zeichnet er unsentimentale und gerade deshalb berührende Bilder von Menschen am Rande unserer Gesellschaft, Menschen, die sonst allzu gern aus dem Blickfeld verschwinden. Dies tut er mit einer solchen Direktheit, dass man sich schnell fallen lassen kann in jene Geschichten aus den Schatten der Kneipen, der dunklen Straßen und verpassten Lebenschancen. Ich habe sein Buch im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen und das passiert mir äußerst selten.

Es sind stille Geschichten. Sie brauchen kleinen Lärm, keine großen Gesten. Manchmal brauchen sie nicht einmal so etwas wie einen klaren Abschluss oder gar eine Pointe. Beendet das Leben Geschichten hollywoodlike? Schreibt das Leben Pointen? Vielleicht tut es das sogar ab und zu. Doch meistens erzählt es einfach, weiter und immer weiter, und die kleinen besonderen und magischen Momente, die schüchterne Schönheit und die Faszination des grauen Alltags fließen ungesehen vorbei – fast.

Kruppe gibt diesen kleinen Geschichten den Platz und ihren oft traurigen, gefallenen Protagonisten die Beachtung und Würde, die sie verdienen. Wenn die Verlorenen bei Steve’s ihre Stunden und Tage und Leben verbringen, verrauchen und vertrinken, dann schaut Kruppe genau hin, beschönigt nicht und romantisiert schon gar nicht. Andererseits versucht er aber auch nie, wie beispielsweise Heinz Strunk im „Goldenen Handschuh“, durch extreme Darstellungen und Ekel für leserische Sensationen zu sorgen.

Kruppe schaut hin, sieht, fühlt und schreibt. Und Kruppe legt seine Welt dem Leser so dar, wie sie sich ihm darbietet – klar, kompromisslos, ganz ohne falsche Sentimentalität, authentisch. Dennoch – oder gerade deshalb – atmen seine faszinierenden, fesselnden Alltagsskizzen Poesie, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl. Und das scheint mir doch etwas vom Schönsten zu sein, was man über ein Buch sagen kann: Poesie, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl. Es ist mir eine Ehre, es illustrieren zu dürfen.

Holger Much, Albstadt, 8. Juni 2020″

„Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Frank Luger
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Holger Muchs Vorwort zu Dirk-Boris Rödels „Liber Thanatamor“

Zu Dirk-Boris Rödels faszinierendem Fantastik-Erzählband „Liber Thanatamor“ bedanken wir uns herzlich bei Holger Much für sein Vorwort:

„Magie, tu was Du willst!“

Ein sehr persönliches Vorwort

„Es hat in unserer Mitte Zauberer und Zauberinnen, aber niemand weiß es“, sagte einst Hugo von Hofmannsthal. Nun, zärtlich und liebevoll möchte ich Herrn von Hofmannsthal hier in Teilen widersprechen. Nicht was den Teil mit den Zauberern und Zauberinnen anbelangt. Denn, das ist zumindest meine ganz persönliche, subjektive Erfahrung vor allem der vergangenen Jahre, es gibt sie selbstverständlich, jene magischen Menschen, die diese Aura haben, diese Ausstrahlung, diese Magie eben, die den Raum erfüllt, sobald sie ihn betreten, mag es zum Guten oder zum Bösen sein.

Doch dass es niemand weiß, dass es diese Menschen gibt, das sehe ich so nicht. Im Gegenteil. Denn je mehr man sich des leise fließenden und schaffenden Wirkens in der Welt bewusst wird und jener, die sich dieser Ströme bedienen – oder derer sich die Ströme bedienen – und sich dafür öffnet, umso mehr wird man immer mehr all der Menschen gewahr, die all dies sehr wohl zur Kenntnis nehmen und zu einem, wie auch immer gearteten, Teil ihres Lebens gemacht haben.

Magie – was ist das? Schon das Wort klingt, ja, nach Zauber und Schönheit. Ganz sicher wird sie nicht zustande gebracht von zauberstabschwingenden Leuten in wallenden Roben, auch wenn ich ein großer Fan von Harry Potter bin.

Während frühere, evolutionistische Deutungen Magie als etwas tendenziell Primitives, Atavistisches und dunklem Aberglaube Verhaftetes ansahen, gehen neuere magische Weltbilder und Konzepte davon aus, dass alle Geschehnisse und alle Dinge in Vergangenheit, Gegenwart sowie in der Zukunft untrennbar miteinander in Verbindung stehen.

Alles ist eins, wie unten so oben… und wenn wir, jeder und jede Einzelne von uns, selbst ein Teil dieses großen, komplexen Ganzen sind, so müssten jede und jeder von uns auch die Möglichkeit haben, gewisse Dinge zu beeinflussen, manchmal nur dadurch, dass wir uns von den Wellen treiben lassen, auch wenn dazu Mut gehört. Doch dann können wunderbare, magische Dinge passieren…

Allein die Tatsache, dass ich nun, im Januar 2020, hier sitze und das Vorwort zu diesem Buch von Dirk-Boris Rödel schreiben kann, gehört für mich persönlich zu dieser Alltagsmagie, die von selbst tätig wird, wenn man sie nur lässt.

„Magie, tu was Du willst“, sagt Peter S. Beagles glückloser Zauberer Schmendrick in „Das letzte Einhorn“ und bewirkt nicht zufälligerweise immer dann Großes…

Kennengelernt haben Dirk-Boris und ich uns in den alten, von den sagenumwobenen Fluten des Neckar umflossenen Gemäuern des Universitätsstädtchens Tübingen, wo wir beide unter anderem Empirische Kulturwissenschaft studierten, ein Fach, das anderswo noch „Volkskunde“ heißt. Danach verloren wir uns für Jahrzehnte aus den Augen.

Vor einigen Jahren tauchte Dirk-Boris dann plötzlich unverhofft wieder in meinem Leben auf (oder ich in seinem?), als einer jener wunderbaren magischen Menschen, die Teil meines Lebens sind, seit ich bewusst die für viele Jahre von mir verschlossene Tür zur Kunst wieder geöffnet hatte und die unerwartete, beglückende und teilweise in ihrer Stringenz schon fast wieder erschreckende Erfahrung gemacht habe, dass sich die Wege jener, die gemeinsam wirken sollen, wie von selbst kreuzen.

So ist auch dieses Buch, in dem der Autor 17 unterschiedlichste, teils grausame, teils mysteriöse, aber stets tief empfundene und fesselnde Erzählungen versammelt hat, nicht unser erstes gemeinsames Werk. Dass ich nun für das „Liber Thanatamor“ sowohl das Cover erschaffen durfte wie auch das Vorwort schreiben, hat auch damit zu tun, dass wir beide ein vitales Interesse für das große Feld der Magie haben und diesbezüglich instinktiv wissen, was der andere fühlt und meint.

Im vorliegenden Werk, dies darf ich wohl verraten, ohne allzu sehr zu spoilern, hat Dirk-Boris Rödel seine magische Weltsicht in Geschichten und Erzählungen verpackt, ähnlich wie es übrigens schon der Crowley-Vertraute Kenneth Grant in seinem Buch „Gegen das Licht“ getan hat, für das ich ebenfalls das Cover beisteuern durfte. Natürlich lassen sich die vorliegenden 17 Geschichten auch ohne diese Brille genießen, doch man sollte der Magie immer ein Türchen im Herzen offen lassen, nicht wahr?

Denn dass sie existiert, die Magie, beweist allein schon die Existenz dieses Buches. Und dies ist, wie ich finde, ein wunderbarer, ein ermutigender, eben ein herrlich magischer Gedanke.“

„Liber Thanatamor“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Frank Luger
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