Holger Muchs Vorwort zu Dirk-Boris Rödels „Liber Thanatamor“

Zu Dirk-Boris Rödels faszinierendem Fantastik-Erzählband „Liber Thanatamor“ bedanken wir uns herzlich bei Holger Much für sein Vorwort:

„Magie, tu was Du willst!“

Ein sehr persönliches Vorwort

„Es hat in unserer Mitte Zauberer und Zauberinnen, aber niemand weiß es“, sagte einst Hugo von Hofmannsthal. Nun, zärtlich und liebevoll möchte ich Herrn von Hofmannsthal hier in Teilen widersprechen. Nicht was den Teil mit den Zauberern und Zauberinnen anbelangt. Denn, das ist zumindest meine ganz persönliche, subjektive Erfahrung vor allem der vergangenen Jahre, es gibt sie selbstverständlich, jene magischen Menschen, die diese Aura haben, diese Ausstrahlung, diese Magie eben, die den Raum erfüllt, sobald sie ihn betreten, mag es zum Guten oder zum Bösen sein.

Doch dass es niemand weiß, dass es diese Menschen gibt, das sehe ich so nicht. Im Gegenteil. Denn je mehr man sich des leise fließenden und schaffenden Wirkens in der Welt bewusst wird und jener, die sich dieser Ströme bedienen – oder derer sich die Ströme bedienen – und sich dafür öffnet, umso mehr wird man immer mehr all der Menschen gewahr, die all dies sehr wohl zur Kenntnis nehmen und zu einem, wie auch immer gearteten, Teil ihres Lebens gemacht haben.

Magie – was ist das? Schon das Wort klingt, ja, nach Zauber und Schönheit. Ganz sicher wird sie nicht zustande gebracht von zauberstabschwingenden Leuten in wallenden Roben, auch wenn ich ein großer Fan von Harry Potter bin.

Während frühere, evolutionistische Deutungen Magie als etwas tendenziell Primitives, Atavistisches und dunklem Aberglaube Verhaftetes ansahen, gehen neuere magische Weltbilder und Konzepte davon aus, dass alle Geschehnisse und alle Dinge in Vergangenheit, Gegenwart sowie in der Zukunft untrennbar miteinander in Verbindung stehen.

Alles ist eins, wie unten so oben… und wenn wir, jeder und jede Einzelne von uns, selbst ein Teil dieses großen, komplexen Ganzen sind, so müssten jede und jeder von uns auch die Möglichkeit haben, gewisse Dinge zu beeinflussen, manchmal nur dadurch, dass wir uns von den Wellen treiben lassen, auch wenn dazu Mut gehört. Doch dann können wunderbare, magische Dinge passieren…

Allein die Tatsache, dass ich nun, im Januar 2020, hier sitze und das Vorwort zu diesem Buch von Dirk-Boris Rödel schreiben kann, gehört für mich persönlich zu dieser Alltagsmagie, die von selbst tätig wird, wenn man sie nur lässt.

„Magie, tu was Du willst“, sagt Peter S. Beagles glückloser Zauberer Schmendrick in „Das letzte Einhorn“ und bewirkt nicht zufälligerweise immer dann Großes…

Kennengelernt haben Dirk-Boris und ich uns in den alten, von den sagenumwobenen Fluten des Neckar umflossenen Gemäuern des Universitätsstädtchens Tübingen, wo wir beide unter anderem Empirische Kulturwissenschaft studierten, ein Fach, das anderswo noch „Volkskunde“ heißt. Danach verloren wir uns für Jahrzehnte aus den Augen.

Vor einigen Jahren tauchte Dirk-Boris dann plötzlich unverhofft wieder in meinem Leben auf (oder ich in seinem?), als einer jener wunderbaren magischen Menschen, die Teil meines Lebens sind, seit ich bewusst die für viele Jahre von mir verschlossene Tür zur Kunst wieder geöffnet hatte und die unerwartete, beglückende und teilweise in ihrer Stringenz schon fast wieder erschreckende Erfahrung gemacht habe, dass sich die Wege jener, die gemeinsam wirken sollen, wie von selbst kreuzen.

So ist auch dieses Buch, in dem der Autor 17 unterschiedlichste, teils grausame, teils mysteriöse, aber stets tief empfundene und fesselnde Erzählungen versammelt hat, nicht unser erstes gemeinsames Werk. Dass ich nun für das „Liber Thanatamor“ sowohl das Cover erschaffen durfte wie auch das Vorwort schreiben, hat auch damit zu tun, dass wir beide ein vitales Interesse für das große Feld der Magie haben und diesbezüglich instinktiv wissen, was der andere fühlt und meint.

Im vorliegenden Werk, dies darf ich wohl verraten, ohne allzu sehr zu spoilern, hat Dirk-Boris Rödel seine magische Weltsicht in Geschichten und Erzählungen verpackt, ähnlich wie es übrigens schon der Crowley-Vertraute Kenneth Grant in seinem Buch „Gegen das Licht“ getan hat, für das ich ebenfalls das Cover beisteuern durfte. Natürlich lassen sich die vorliegenden 17 Geschichten auch ohne diese Brille genießen, doch man sollte der Magie immer ein Türchen im Herzen offen lassen, nicht wahr?

Denn dass sie existiert, die Magie, beweist allein schon die Existenz dieses Buches. Und dies ist, wie ich finde, ein wunderbarer, ein ermutigender, eben ein herrlich magischer Gedanke.“

„Liber Thanatamor“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Frank Luger
_____________________________________________________________________________________