Holger Muchs Vorwort zu M. Kruppes „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“

Zu M. Kruppes Lyrik- & Kurzgeschichtenband „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ bedanken wir uns herzlich bei Holger Much für sein Vorwort:

„Kruppe schaut hin.

Die erste Begegnung, die ich mit M. Kruppe hatte, fand vor nun doch schon geraumer Zeit in Karlsruhe und dort wiederum in Mozarts Garten statt. Später sorgten Kruppe, Benjamin Schmidt und David Gray im durchaus malerischen, wenn auch etwas sinistren Keller des Umbra-et-Imagoschen Anwesens für eine legendäre Lesenacht, während ich selbst dort einige meiner Bilder ausstellte.

Zuerst aber gab es im von einem kleinen sympathischen Urwald umgebenen Pavillon Willkommensgetränke. Bei vom bestens gelaunten und derbe Schwänke zum Besten gebenden Hausherrn serviertem Bier, bei Cola und Kaffee plauderte man angenehm in den dunkelkulturelle Genüsse versprechenden Abend hinein. Und schon damals hat mich der erste Anblick von Herrn Kruppe nachhaltig beeindruckt – ringgeschmückte Finger, schwarze Weste und nach hinten gekämmte Haare summierten sich für mich zum faszinierenden Bild eines Poeten mit stilvollem Rockabilly-Punk-Flair.

Der optische Eindruck sollte sich später bei der Lesung bestätigen sowie bei zahlreichen späteren Begegnungen verfestigen. M. Kruppe ist im besten Sinne ein Poet der Straße, ein Poet der kleinen flüchtigen Alltagsaugenblicke und der Geschichten jenseits der großen Worte.

So widmet er auch seine „Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ jenen Schicksalen und Momenten, die andere nicht einmal wahrnehmen. Das tut er mit poetischer Schlichtheit und Ehrlichkeit, manchmal mit Schmerz im Herzen, manchmal mit interessierter Distanz. So zeichnet er unsentimentale und gerade deshalb berührende Bilder von Menschen am Rande unserer Gesellschaft, Menschen, die sonst allzu gern aus dem Blickfeld verschwinden. Dies tut er mit einer solchen Direktheit, dass man sich schnell fallen lassen kann in jene Geschichten aus den Schatten der Kneipen, der dunklen Straßen und verpassten Lebenschancen. Ich habe sein Buch im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen und das passiert mir äußerst selten.

Es sind stille Geschichten. Sie brauchen kleinen Lärm, keine großen Gesten. Manchmal brauchen sie nicht einmal so etwas wie einen klaren Abschluss oder gar eine Pointe. Beendet das Leben Geschichten hollywoodlike? Schreibt das Leben Pointen? Vielleicht tut es das sogar ab und zu. Doch meistens erzählt es einfach, weiter und immer weiter, und die kleinen besonderen und magischen Momente, die schüchterne Schönheit und die Faszination des grauen Alltags fließen ungesehen vorbei – fast.

Kruppe gibt diesen kleinen Geschichten den Platz und ihren oft traurigen, gefallenen Protagonisten die Beachtung und Würde, die sie verdienen. Wenn die Verlorenen bei Steve’s ihre Stunden und Tage und Leben verbringen, verrauchen und vertrinken, dann schaut Kruppe genau hin, beschönigt nicht und romantisiert schon gar nicht. Andererseits versucht er aber auch nie, wie beispielsweise Heinz Strunk im „Goldenen Handschuh“, durch extreme Darstellungen und Ekel für leserische Sensationen zu sorgen.

Kruppe schaut hin, sieht, fühlt und schreibt. Und Kruppe legt seine Welt dem Leser so dar, wie sie sich ihm darbietet – klar, kompromisslos, ganz ohne falsche Sentimentalität, authentisch. Dennoch – oder gerade deshalb – atmen seine faszinierenden, fesselnden Alltagsskizzen Poesie, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl. Und das scheint mir doch etwas vom Schönsten zu sein, was man über ein Buch sagen kann: Poesie, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl. Es ist mir eine Ehre, es illustrieren zu dürfen.

Holger Much, Albstadt, 8. Juni 2020″

„Geschichten vom Kaff der guten Hoffnung“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Frank Luger
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Holger Muchs Vorwort zu Dirk-Boris Rödels „Liber Thanatamor“

Zu Dirk-Boris Rödels faszinierendem Fantastik-Erzählband „Liber Thanatamor“ bedanken wir uns herzlich bei Holger Much für sein Vorwort:

„Magie, tu was Du willst!“

Ein sehr persönliches Vorwort

„Es hat in unserer Mitte Zauberer und Zauberinnen, aber niemand weiß es“, sagte einst Hugo von Hofmannsthal. Nun, zärtlich und liebevoll möchte ich Herrn von Hofmannsthal hier in Teilen widersprechen. Nicht was den Teil mit den Zauberern und Zauberinnen anbelangt. Denn, das ist zumindest meine ganz persönliche, subjektive Erfahrung vor allem der vergangenen Jahre, es gibt sie selbstverständlich, jene magischen Menschen, die diese Aura haben, diese Ausstrahlung, diese Magie eben, die den Raum erfüllt, sobald sie ihn betreten, mag es zum Guten oder zum Bösen sein.

Doch dass es niemand weiß, dass es diese Menschen gibt, das sehe ich so nicht. Im Gegenteil. Denn je mehr man sich des leise fließenden und schaffenden Wirkens in der Welt bewusst wird und jener, die sich dieser Ströme bedienen – oder derer sich die Ströme bedienen – und sich dafür öffnet, umso mehr wird man immer mehr all der Menschen gewahr, die all dies sehr wohl zur Kenntnis nehmen und zu einem, wie auch immer gearteten, Teil ihres Lebens gemacht haben.

Magie – was ist das? Schon das Wort klingt, ja, nach Zauber und Schönheit. Ganz sicher wird sie nicht zustande gebracht von zauberstabschwingenden Leuten in wallenden Roben, auch wenn ich ein großer Fan von Harry Potter bin.

Während frühere, evolutionistische Deutungen Magie als etwas tendenziell Primitives, Atavistisches und dunklem Aberglaube Verhaftetes ansahen, gehen neuere magische Weltbilder und Konzepte davon aus, dass alle Geschehnisse und alle Dinge in Vergangenheit, Gegenwart sowie in der Zukunft untrennbar miteinander in Verbindung stehen.

Alles ist eins, wie unten so oben… und wenn wir, jeder und jede Einzelne von uns, selbst ein Teil dieses großen, komplexen Ganzen sind, so müssten jede und jeder von uns auch die Möglichkeit haben, gewisse Dinge zu beeinflussen, manchmal nur dadurch, dass wir uns von den Wellen treiben lassen, auch wenn dazu Mut gehört. Doch dann können wunderbare, magische Dinge passieren…

Allein die Tatsache, dass ich nun, im Januar 2020, hier sitze und das Vorwort zu diesem Buch von Dirk-Boris Rödel schreiben kann, gehört für mich persönlich zu dieser Alltagsmagie, die von selbst tätig wird, wenn man sie nur lässt.

„Magie, tu was Du willst“, sagt Peter S. Beagles glückloser Zauberer Schmendrick in „Das letzte Einhorn“ und bewirkt nicht zufälligerweise immer dann Großes…

Kennengelernt haben Dirk-Boris und ich uns in den alten, von den sagenumwobenen Fluten des Neckar umflossenen Gemäuern des Universitätsstädtchens Tübingen, wo wir beide unter anderem Empirische Kulturwissenschaft studierten, ein Fach, das anderswo noch „Volkskunde“ heißt. Danach verloren wir uns für Jahrzehnte aus den Augen.

Vor einigen Jahren tauchte Dirk-Boris dann plötzlich unverhofft wieder in meinem Leben auf (oder ich in seinem?), als einer jener wunderbaren magischen Menschen, die Teil meines Lebens sind, seit ich bewusst die für viele Jahre von mir verschlossene Tür zur Kunst wieder geöffnet hatte und die unerwartete, beglückende und teilweise in ihrer Stringenz schon fast wieder erschreckende Erfahrung gemacht habe, dass sich die Wege jener, die gemeinsam wirken sollen, wie von selbst kreuzen.

So ist auch dieses Buch, in dem der Autor 17 unterschiedlichste, teils grausame, teils mysteriöse, aber stets tief empfundene und fesselnde Erzählungen versammelt hat, nicht unser erstes gemeinsames Werk. Dass ich nun für das „Liber Thanatamor“ sowohl das Cover erschaffen durfte wie auch das Vorwort schreiben, hat auch damit zu tun, dass wir beide ein vitales Interesse für das große Feld der Magie haben und diesbezüglich instinktiv wissen, was der andere fühlt und meint.

Im vorliegenden Werk, dies darf ich wohl verraten, ohne allzu sehr zu spoilern, hat Dirk-Boris Rödel seine magische Weltsicht in Geschichten und Erzählungen verpackt, ähnlich wie es übrigens schon der Crowley-Vertraute Kenneth Grant in seinem Buch „Gegen das Licht“ getan hat, für das ich ebenfalls das Cover beisteuern durfte. Natürlich lassen sich die vorliegenden 17 Geschichten auch ohne diese Brille genießen, doch man sollte der Magie immer ein Türchen im Herzen offen lassen, nicht wahr?

Denn dass sie existiert, die Magie, beweist allein schon die Existenz dieses Buches. Und dies ist, wie ich finde, ein wunderbarer, ein ermutigender, eben ein herrlich magischer Gedanke.“

„Liber Thanatamor“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Frank Luger
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M. Kruppes Vorwort zu Edek Roses „Schwanenhalsbrücke“

Zu Edek Roses unfassbarem Abgrund packender Lyrik „Schwanenhalsbrücke“ bedanken wir uns herzlich bei unserem Autoren M. Kruppe für sein Vorwort:

Edek Rose ist kein Schriftsteller, kein Autor. Edek Rose ist ein Entführer, ein Kidnapper. Skrupellos legt er seine gut getarnten Fallen aus und sein Jagdglück ist unermesslich.

Kaum die ersten Sätze in Schwanenhalsbrücke gelesen, hat er sein Opfer gepackt, und schleift es mit sich durch die dystopischen Welten eines morbiden Universums.

Und doch ist man hier gern Opfer, auch, wenn seine Worte Punkte treffen, die beinahe körperliche Schmerzen auslösen und man fragt sich: Wer ist dieser wahnsinnig Leben liebende Mensch, der das Leben hasst? Wer ist dieser liebevolle Psychopath, dieser literarische Massenmörder? Wer ist dieser vergewaltigende Humanist?

Vor einigen Jahren stolperte ich über ein Hörbuch, oder vielmehr eine auf einem Album festgehaltene Vertonung von Texten. Verfasst von einem zeitlebens und darüber hinaus umstrittenen Künstler. Gesprochen von einem ebenso, wenn auch nicht im selben Maße umstrittenen Künstler.

Ich war derart begeistert, dass ich etwas tat, was ich nur sehr, sehr selten tue: Dieses „Hörbuch“ lief in Dauerschleife, und auch heute krame ich gern die CD hervor, um mich von Text und Sprache inspirieren zu lassen. Ich besorgte mir auch das Buch und stellte fest, dass es noch wesentlich mehr Werke gibt, die allesamt so verstörend wie sprachlich einzigartig sind. Bis jetzt.

Die Rede ist von „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“, geschrieben von Klaus Kinski, gesprochen von Ben Becker. Natürlich könnte ich mich an dieser Stelle, sozusagen im vorauseilenden Gehorsam, rechtfertigen, weswegen mich die Texte eines derart umstrittenen Menschen so angesprochen haben und ich gebe zu, irgendwas in mir schreit da gegen mich an. Aber ich habe gelernt, das jeweilige Werk von seinem jeweiligen Erschaffer zu trennen, denn Kunst steht zunächst für sich und erst beim Zweiten Nachhaken bekommt sie eine Biografie, es sei denn, im Werk selbst sind bereits Anstöße zu finden, die moralisch, ethisch und / oder aus humanistischer Sicht nicht vertretbar sind. Und aus eben diesem Grunde werde ich nicht vorauseilen.

Lange suchte ich nach vergleichbarem Textwerk, nach der düsteren Dystopie, nach morbide gewaltigen Metaphern, nach einer Hand, die mich im Genick packt und mit voller Wucht in den tiefen Schlamm der ausgelatschten Menschenpfade drückt, mich nicht loslässt, mich fast zu ersticken droht.

Nein, ich bin kein Masochist. Aber ich sehne mich nach der Anarchie in der Literatur. Ich suchte so lange nach Deutlichkeiten, die sich exibitionistisch und laut schrei(b)end in die Mitte ihrer Welt stellen, sich mit dem Schmutz des Lebens bewerfen und dabei nichts sind als ein Spiegel der Gesellschaft.

Dann lernte ich Edek Rose kennen. Schnell kamen wir ins Gespräch, bewegten uns von philosophischen Themen über Musik zur Literatur, und kaum dass wir begonnen hatten, war eine ganze Nacht vergangen. Umgeben von unzähligen leeren Bier- und Weinflaschen saßen wir da auf diesem Zeltplatz eines großen Festivals und vereinbarten, dass er mir ein paar seiner Texte zuschickt, denn ich war überzeugt, dass hier ein Mensch vor mir sitzt, der einiges zu sagen hat und es ganz deutlich zu sagen imstande ist.

Seine Intelligenz, die anfangs lediglich punktuell durch eine fast schon beschämende Bescheidenheit hindurch schien, imponierte mir genauso, wie seine Sprachgewandtheit im Gespräch sowie die Ruhe, die von Edek Rose ausging. Den in Nürnberg lebenden Künstler umgibt etwas Außergewöhnliches, das ich nicht recht in Worte zu fassen schaffe. Es ist schlicht eine inspirierende Aura, ohne dass ich hier jetzt einen auf Eso-Freak machen will.

Als mir dann, einige Wochen später das Manuskript zu „Schwanenhalsbrücke“ vorlag, war ich mehr als begeistert, denn ich fand endlich, was ich so lange suchte, was ich nur immer in den Texten aus „Fieber -Tagebuch eines Aussätzigen“ fand.

Nein, ich will Edek Rose nicht mit Klaus Kinski vergleichen. Aber die Werke scheinen ein gemeinsames Fundament zu haben. Irgendwo da unten, in diesem Schlamm, durch den manch einer kriecht, muss es etwas geben, das man mitnimmt an die Oberfläche. Und das dann raus will. Als sei der Körper des im Schlamm Gewesenen der Wirt einer geheimen Spezies, die sich selbst zu Sprache transformiert, metamorphisiert, um den Homo Sapiens etwas von der Dunkelheit zu erzählen, um zu zeigen, dass alles Empfinden, alles Fühlen und Denken einen Ursprung hat, miteinander verbunden, verknüpft ist und benannt werden muss.

Ich vertonte, nachdem er mir das Skript zum vorliegenden Buch zuschickte, drei seiner Gedichte, schickte die Aufnahmen einem Freund, den ich als Experte für Dramatik und Literatur oft zu Rate ziehe, und der meinte kurz drauf: „Kruppe, das ist das Beste, das ich bisher von dir kenne. Das ist dicht und rund, das hat Tiefe und ist mehr als genial!“

Neidlos sagte ich ihm, dass das leider nicht von mir ist und erwähnte den Namen Edek Rose. „Das muss in ein Buch“, sagte jener Freund, der den Fuß aus dem Fettnapf zog und sich entschuldigte. “Wofür?“, fragte ich mich. Ich bin doch in keinem Wettkampf. Und wenn ENDLICH mal wieder einer Licht in die verdunkelte Welt der Lyrik bringt, dann ist das doch nur gut. Wennschon dieses Bild eher verkehrt herum gezeichnet ist. Denn vielmehr verdunkelt Edek Rose die viel zu helle, grelle Welt der Lyrik und stellt sich als ein Autor dar, der es wagt, ohne Rücksicht auf Verluste frech und provokant seine Gedanken auf ein Papier zu rotzen, das lange Zeit viel, viel zu sauber war.

Ich kenne die Biografie von Edek Rose nicht in Gänze. Allerdings lässt er in seinen Texten nicht nur eine intellektuelle Tiefe durchschimmern, sondern haucht auch ein „Ich weiß, wovon ich rede“ zwischen den Zeilen, etwa da, wo er von Vergewaltigungen und Missbrauch redet. Ein gebeutelter Mensch, der seine Zurückhaltung einer Erfahrungswelt entnimmt, die alles andere als „schön“ gewesen zu sein scheint.

Und wenn man von dieser, einer grauschwarzen, Vergangenheit ausgeht, machen sich seine Texte plötzlich erst recht verständlich. Da zeigen sich die Wut und der Hass und die Abrechnung mit dem Leben, mit den Menschen, wie sich auch die Zuneigung zeigt, die Liebe, die Reste eines Urvertrauens und die Hoffnung, die, wie wenige Dinge in diesem Buch, zuletzt stirbt.

„Schwanenhalsbrücke“ … ein Buch, das für mich persönlich ein absolutes Highlight ist. Und sein Autor macht mich wünschen, dass da noch viel, viel mehr kommt.

Finger weg von der Taschenlampe. Der Genuss des Lichts kommt im Dunkel. „Schwanenhalsbrücke“ packt die LeserInnen und entführt, kidnappt, hijackt und zwingt, die Augen offen zu lassen auf einem rasanten Trip durch die Abgründe des menschlichen Seins.“

„Schwanenhalsbrücke“ kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Stef Schmidt
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Jennifer Sonntags Vorwort für Franziska Appels & Benjamin Schmidts „Fuck[dis]Ability“

Für den unlängst erschienenen Erzählband „Fuck[dis]Ability“ von Franziska Appel und Benjamin Schmidt, einem literarisch berührenden Augenöffner für die Welt der Begierde, Lust und Sexualität von Menschen mit Handicap, bedanken wir uns bei Jennifer Sonntag herzlich für ihr Vorwort:

Die Produktionsfirma hatte uns extra für den Dreh ein Ferienhaus mit Kamin und verheißungsvollem Tapetenrot gemietet. Themenschwerpunkt: Lebenslust, Sinnlichkeit, Kreativität. Na ok, das war die schöngeistige Variante. »Wie wir das mit dem Sex machen«, die ehrlichere. Da waren wir genau die passenden Figuren, bewegten wir uns in unserem Sein, Schaffen und Schreiben doch unverzagt in libidinösen Gestaltungsräumen. Auch wir Menschen mit Blessuren, mit Lebenslaufmaschen, wie ich sie liebevoll nenne, stehen in erotischer Hinsicht nicht im Dunkeln, wenn ich das als blinde Frau mal so sagen darf. Naja und das mit dem Stehen…: Benjamin sitzt ohnehin lieber. Generell sind wir aber nicht ›entweder-oder‹ sondern ›sowohl-als-auch‹.

Seit ich Benjamin Schmidts „Schon immer ein Krüppel“ erstmals gelesen hatte, stand dieser Autor als Interviewgast ganz oben auf meiner Wunschliste. Schließlich gewährte Benjamin innerhalb seiner Literatur aufwühlende Einblicke in das faszinierende Geschehen, was bei einem im Rollstuhl untenrum so abgeht und tat etwas gegen die ›Querschnittslähmungen‹, die viele von uns im Kopf haben.

Auch wenn wir privat inzwischen manch Umtrunk zusammen genommen, Absurditäten gefeiert und Abgründe seziert hatten, gemeinsam vor die Kamera hatte man uns noch nicht gelassen. Für öffentlich-rechtlich schwang nun deutlich Eros im Raum. Das lag nicht nur am Kaminfeuer, sondern auch an den expliziten Zeichnungen, die um uns herum inszeniert wurden, bereitgestellt von Franziska Appel, Benjamins Buchpartnerin, Illustratorin und Mitautorin des nun hier vorliegenden Werkes. Franziska ist als Lebenspartnerin eines sehbehinderten Mannes ziemlich erfahren mit allen Vorurteilen, die gesellschaftlich so aufgefahren werden, wenn Frau sich mit einem Gehandicapten paart. Auch noch ein besonderer Fall für die drei Fragezeichen: Ihr Partner ist Farbenblind und sie ist Malerin, aber ihre beiden Kinder sind nicht in schwarz/weiß geboren.

Apropos Farben. Passend zum Sendungsschwerpunkt hatte ich mir nicht nur meine roten ›Pornopuschel‹ an die Ohren gehängt, sondern auch ein ordentliches Spitzendekolleté gezaubert und mir High Heels mitgebracht, in die mich meine Maskenbildnerin hineinarbeiten musste. Als mich unser Tontechniker bat, noch einmal aufzustehen – beim besten Willen, diese Schuhe waren fürs Sitzen und Liegen gemacht – da dachte ich so im Stelzenstand: Meine Güte, ein übernächtigter Autor mit inkompletter Querschnittslähmung hält sich sicherer auf den Beinen, als eine Blinde auf High Heels.

Ich war zugegebenermaßen echt aufgeregt, hatte ich doch zwei mir ziemlich wichtige Menschen um mich drapiert: Benjamin Schmidt als Talkgast und Franziska Appel in Form ihrer Bilder, die zu uns und den Zuschauenden sprachen. Zudem erprobte ich ein neues Sendeformat. Vorher hatte ich zehn Jahre lang über achtzig prominente Gäste für mein Interviewfenster SonntagsFragen getroffen. Nun ging es um Menschen, die ›Mit anderen Augen‹ sehen und Freunde ins Fernsehen zu holen, das war mir nicht einerlei. Was wäre, wenn unsere Intension falsch verstanden würde, wir uns mit diesem Thema irgendwie peinlich abgebildet fühlten oder im Titel mal wieder der klassische Journalisten-Fettnäpfchen-Tapser »Sexualität trotz Behinderung« zu lesen war? Überraschung! Der war zu lesen. Aber der Beitrag schwang dann insgesamt doch sehr tiefsinnig und feinfühlig, was uns positiv erregte. Das mit dem ›Trotz‹ und das mit dem Sex mit uns darf man wohl noch ein bisschen üben. Franziska Appel und Benjamin Schmidt bieten mit „FuckDisAbility“ eine wunderbare ›Übungsanleitung‹, Berührungsängste, im wahrsten Wortsinn, zu durchbrechen und sich an ein Themenfeld heranzutasten, welches auf diese Weise literarisch und illustratorisch bislang ungesehen, ungelesen blieb.

Ich erlebe die künstlerische Annäherung der beiden an die Thematik als hoch relevant, denn sie ist auch für mich ermutigend. Durch die beiden erfahre ich wertvolle Impulse zur selbstbestimmten Körperbildwahrnehmung und Erotikgestaltung von Menschen mit und ohne Behinderungen. Dabei betrachtete ich mich als alte Häsin auf diesem Gebiet. Seit nahezu zwanzig Jahren arbeite ich als selbst erblindete Sozialpädagogin mit blinden, sehbehinderten und ›anders‹ anderen Menschen. Ich fragte mich schon als Sehende, wie wohl insbesondere blinde Frauen Schönheit, Sinnlichkeit und Sexualität erleben würden. Ich kenne also auch die andere Seite der Medaille, die Bedenken der Sehenden in mir, vielleicht auch, weil ich vor meiner Erblindung Angst davor hatte, Reizvolles nicht mehr so umfänglich erleben zu können. Heute kann ich sagen, dass ich es viel, viel intensiver erlebe. Diese Erkenntnisaugen wollte ich auch meinen Mitmenschen öffnen und ich wollte andere erblindende Frauen in ihrer Weiblichkeit und ihrem Erotikempfinden bestärken. Natürlich sind das Entwicklungen, Phasen, die auch von Schmerz, Loslassen und Neuorientierung geprägt sind. Ich habe dann in meinen Büchern vom Suchen und Finden der blinden Weiblichkeit erzählt, wozu auch das Suchen und Finden der Liebe und Schönheit gehörten. Das war sehr authentisch als Frau geschrieben, da ich ja nun mal selbst eine Frau bin, aber es fühlten sich immer wieder auch Menschen mit Lebensrissen angesprochen, mit oder ohne Behinderungen, da jeder von uns Verarbeitungsprozesse durchläuft. In einer Anthologie ließ ich später andere blinde Frauen zu Wort kommen, immer mit lebensechtem, sozialpädagogischem Hintergrund.

Ich merkte schnell, dass dieses Thema, wurde ich zu erotisch im Anklang, für viele Fachzeitschriften noch ein Tabu war. So sollte ich bspw. in den Überschriften das Wort ›Erotik‹ durch ›Schönheit‹ ersetzen. Behinderung und eine eigene Vorstellung der Lust, das bekam man nicht zusammen. Hier dachte man sehr konservativ. Über Sexualität äußerten sich in Publikationen allenfalls Fachleute über uns, die selbst keine Behinderung hatten. Das ärgerte mich oft, da ich die Texte, die da über uns und unser Sexleben in der Fachliteratur kursierten, als Betroffene nicht lesen konnte. Es gab sie nicht als Lesefassung für blinde Menschen. Schön, dass man sich diese spartanischen Gedanken über uns ohne uns gemacht hatte. Wenn sie doch wenigstens leidenschaftlich gewesen wären, hier fehlte nun wirklich das sinnlich-lustbetonte Gedankengut. Das schwoll dann umso stärker, in allen Ausformungen, in und an uns behinderten Sexualteilnehmenden, ganz von selbst heran. Was Franziskas und Benjamins Herangehen ausmacht? Ich versuche es mit einem Vergleich. In meinen literarischen Texten bin ich eher nicht blind und sehe durch die Augen meiner ProtagonistInnen. Somit verlerne ich das Sehen nicht und kann ungeniert überall, ja wirklich überall hinschauen, wo mir meine blinden Augen im wahren Leben Grenzen setzen würden. In meiner Fantasie bin ich ohne Blindenstock unterwegs, dazu zwinge ich mich nicht, es ist keine Verleugnung, es ist einfach so. Das scheint ein unbewusster Kontrast zu meinen eher fachlichen Auseinandersetzungen zu sein, in denen die Behinderung ja immer tragendes Thema ist. Und hier komme ich zu meiner Faszination für „FuckDisAbility“ und zu dem, was dieses Buch vermag. Franziska Appel und Benjamin Schmidt statten ihre Protagonistinnen bewusst schriftstellerisch und zeichnerisch mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, nein, besser mit Markenzeichen aus. Als Makel erscheinen sie uns nicht. Interessant ist, für uns Betroffene ist es selbstverständlich, für die Umwelt noch nicht, dass beide im echten Leben inklusive Beziehungen führen. Franziska kennt innerhalb ihrer Partnerschaft den Blickwinkel der Nichtbehinderten, Benjamin in seinen Begegnungen und Beziehungen die andere Sichtachse. Dadurch entstehen auch innerhalb der künstlerischen Prozesse vielseitige Perspektiven, konventionelle Konstellationen werden erfrischend umgestaltet, ungeeignete Rollenmuster und Glaubenssätze über Bord geworfen.

„FuckDisAbility“ macht Einzigartiges und Eigenartiges spannungsvoll spür-, schmeck-, sicht-, erlausch- und erlebbar. Der Körper, der Geist, alles beginnt, sich neu zu verlieben, da ist diese Aufregung, etwas zu kosten, was sich jenseits abgedroschener Gewohnheiten entspinnt. Die Behinderung wird nicht als Einschränkung wahrgenommen sondern überhaupt erst als Möglichkeit betrachtet, einen Zugang zu echter erotischer Kreativität, tiefem Fallenlassen, wahrer Orgasmusfähigkeit zu schaffen. Viele vermeintlich freie Menschen erreichen das schwerlich, weil sie sich selbst nicht kennenlernen (müssen), keinen Weg der ehrlichen Kommunikation finden (müssen), keine echte Nähe aufbauen (müssen) und ihre inneren Lichtschalter nicht entdecken (müssen). Das Buch zeigt auf aufregende Art, was alles möglich ist und wer wir sein können, wenn der simple Weg mal nicht befahrbar ist. „Geht nicht“ gibt’s hier wirklich nicht.

Nach dem Lesen der Lektüre möchte ich fast fragen: »Wie ist denn erfüllender Sex ohne Behinderung überhaupt möglich?« Viel mehr aber verschwimmt dieses übliche Sortieren in Perfekt und Unperfekt in einem Schmelztiegel aus gegenseitigem Begehren und Bereichern.

Dieses Buch spricht Menschen an, die wachsen möchten, an sich, an ihrer Lust, an der Lust der/des anderen. Ich bin unendlich dankbar für das Sichtbarmachen wichtiger Rollenmodelle, ups, sorry Benjamin für das ›Rollenmodell‹, denn leider gibt es Menschen mit und ohne Behinderungen, die aus den verschiedensten Gründen ›noch‹ keine befriedigende Sexualität erleben. Folgt Franziska und Benjamin in ihre Geschichten und Bilder, werdet selbst erfinderisch, findet eure Liebeskunst, alles beginnt mit eurem persönlichen Blickwinkel, mit eigenen Gefühlen und Gedanken und dem, was ihr daraus entwickelt. Der Optimierungswahn ist eine Krankheit, die keine Krankheit zulässt. „FuckDisAbility“ lässt sie zu und veredelt jede Lage leidenschaftlich.

Das Buch kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
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Dr. Rudolf Müllers Vorwort für Michael Haas´ „Die Augen meiner Tochter“

Zu Michael Haas´ Novelle „Die Augen meiner Tochter„, einer Liebeserklärung und zutiefst berührenden Offenbarung, schrieb der österreichische Verfassungsrichter a. D. Dr. Rudolf Müller ein Vorwort, für das wir uns ganz herzlich bedanken:

„Der Autor bittet einen Freund um ein Vorwort für eine Geschichte, die auch autobiographische Züge trägt. Dieser Freund kennt das autobiographische Personal „in reality“. Dem Freund ist nicht ganz klar, was der Autor von ihm, dem Juristen, erwartet: eine kontrastierend kühle, nüchterne Betrachtung des Gelesenen? Fehlanzeige, lieber Freund: Wie du mich gerufen hast, so musst du mich jetzt ertragen. Dein Text lässt weder Kühle noch Distanz zu. Man muss vielmehr gleichsam sein Innerstes offenlegen, um ihm gerecht zu werden.

Der Freund hat immerhin das große Glück, dass er dem Autor den Wunsch um ein Vorwort inter vivos erfüllen kann, ihm die Realität also holder ist, als es der Tochter in der berührenden Geschichte dieses Buches widerfährt. Es wird in diesem Buch nämlich gestorben. Aber auch mit dem Schicksal abgerechnet: „Es sind immer belanglose Geister, die phantasiebegabte Menschen verhöhnen“, heißt es, und an der derselben Stelle: „Es sterben immer jene zuerst, die das Leben zärtlich lieben“. Ja und nein, mein lieber Freund: Es kommt uns nur so vor, weil wir vom Sterben der Bösartigen und Belanglosen deutlich weniger Notiz nehmen als vom Sterben der zärtlich Liebenden. Gott sei Dank.

Auf der Metaebene lesen wir in diesem Buch eine große Geschichte der Seelenverwandtschaft zwischen einem Vater und seiner Tochter. Der Ich-Erzähler, dessen Rückblick und Umblick auf sein Leben während seines langsamen Sterbens die Erzählung – stellenweise unterbrochen von Tagebucheintragungen der Tochter – trägt (die Dramaturgie gemahnt ein wenig an die Strauss’sche Tondichtung „Tod und Verklärung“), dieser Ich-Erzähler muss den Epilog schließlich seiner Tochter überlassen.

In mir keimender Verdacht ist ein zweifacher: Zum einen verpackte der Autor in den Epilog der Tochter in Wahrheit seine eigenen Gefühle und zum anderen geht es in der autobiographischen Folie der Geschichte nicht nur um die Tochter! Es geht in der Geschichte um zwei Frauen, die – wie der Freund weiß – um die Lebensmitte in das Dasein des Autors getreten sind. Die Liebe dieser beiden Frauen haben seine Gefühlswelt auf zwei Ebenen, auf jener der geliebten Frau und jener einer geliebten Tochter mit aller denkbaren Radikalität in Anspruch genommen. Luise und Gretchen heißen sie im Buch. Es gibt in diesem Buch Momente, da glaubt man sich in eine der schönsten Liebesgeschichten der deutschen Literatur versetzt, nämlich in Tucholskys „Rheinsberg“.

Zugleich legt uns der Autor aber auch eine Spur zu seinem Bild von sich selbst. Und es ist das Bild eines unglaublich fantasiereichen, hoch gebildeten Humanisten, der den Kopf in den Wolken hat, während er uns Mitmenschen in aller Zärtlichkeit über den Scheitel streichelt. Dieses Bild spiegelt die gesamte Erzählung wider. Es wird uns eine unendlich sympathische und nicht nur garantiert ganz unschädliche, sondern für jene, die ihm begegnen, – also nicht nur für seine Freunde – geradezu therapeutisch wirksame Form einer Philanthropie vorgeführt, mit der der Autor seine Mitmenschen beglückt. Er gibt seinem alter ego der Geschichte nicht zufällig den Beruf eines Psychotherapeuten, den er über die weit verbreitete physische und psychische Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, aber auch Männern, sowie über das „Stockholm-Syndrom“ jener Opfer räsonieren lässt, die beim Mediator nur den Beweis dafür suchen, dass ihr Partner ein Alptraum ist. Wenn man Michael Haas ein wenig näher kennt, dann weiß man, dass die Liebe zu den Menschen der letzte Grund und Zweck seiner eigenen Existenz, also ein geradezu metaphysisches Element seiner selbst ist. Seine Glut hat in seinen beiden Lebensfrauen die passenden Brandbeschleuniger gefunden.

Der Text stellt hohe Anforderungen an die humanistische Bildung der Leser, vor allem ist er aber eine Einladung an die leserische Seele, sich in die Bilder fallen zu lassen, die der Autor vor uns entfaltet. Und er führt uns ein – gottlob fiktives – Ende eines Menschen vor Augen, den nur ein ebenso liebender Tod zu umarmen vermag: Der Held der Geschichte stirbt in der „Gewissheit, dass meine Frau und mein Kind eine Liebe kennen, die mich erreicht, wo immer ich bin“. In der Realität hat sich der Tod vom Autor – vielleicht genervt von so viel Liebesfähigkeit – glücklicherweise vorerst einmal abgewendet und ich bin überzeugt und hoffe mit ganzem Herzen darauf, dass er es so bald nicht noch einmal versuchen wird. Damit dem Freund Gelegenheit gegeben wird, dem Autor noch oft zu begegnen. Daher: Ad multos annos, mein lieber Freund!“

Das Buch kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
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M. Kruppes Vorwort zu Tomas Jungbluths „Kammerflimmern“

Zu Tomas Jungbluths unlängst für Juli angekündigter Novelle „Kammerflimmern„, dieser sprachgewaltigen Erzählung gleich einem Brief zwischen sensibler Liebeserklärung und fasertiefer Trennungsaufarbeitung einer spannungsgeladenen Beziehung mit einer Narzisstin (Interview erscheint im „Outscapes„-Magazin #9 im September 2018), bedanken wir uns von Herzen bei unserem Autorenfreund M. Kruppe für sein einfühlsames und umsichtiges Lektorat sowie sein Vorwort:

„Noch einen Drink? Ein Bier vielleicht oder einen Whisky, eine Wodka-Cola? Letzteres verabscheue ich ja. Man verfälscht geistige Getränke doch nicht. Ich nehme ein Bier, Herr Jungbluth, auch, wenn ich nur stiller Zeuge Ihres dialogischen Monologes bin. Ach was…. Geben Sie mir einen Laphroaig dazu. Den Älteren bitte… Und zwei, drei Tropfen Wasser bräuchte ich, denn dann kann ich mich einigen Worten widmen, die zu sagen ich bezüglich Ihres Buches nicht umhin komme.

Merken Sie etwas? Beim Lesen haben Sie mich schon eingenommen. So eingenommen, dass ich Ihren Stil dreist kopiere, den Sie hier anwenden. Das kommt, wenn ich von einem Buch überzeugt bin, oder dann, wenn das jeweilige Buch etwas mit mir macht. Ähnlich wie hier ging es mir bislang aber selten.

Ich erinnere mich an die Bücher von Jack Kerouac, die immer eine gewisse Einstiegszeit brauchten, weil sein Schreibstil schon nicht ganz so gewöhnlich war. Ich saß oft im Café und las. Nicht selten störten laute, rücksichtslose Menschen, die meinten, dass der gesamte Raucherbereich ihr ganz privates Refugium sei und entsprechend laut sprachen. Konzentration? Fehlanzeige. Und doch … immer bei Kerouac, wenn ich das Buch weg legte, entspann sich in meinem Kopf plötzlich ein Wortgewitter, wie man es von heißen Sommertagen kennt, wenn aus heiterem Himmel in gefühlter Sekundenschnelle Wolkentürme auftauchen, die sich dann brachial entladen. So schnell hatte ich selten einen Stift zur Hand. Irgendetwas machte dieser Kerouac da mit mir. Unbewusst und vielleicht nicht einmal beabsichtigt.

Das vorliegende Buch ist ebenfalls eins dieser Phänomene und ich weiß nicht recht, ob es an der dichten Legierung von Poesie und Prosa, der Beimischung von lyrischen und auch dieser wissenschaftlichen und spirituellen Denkansätze liegt, die Tomas Jungbluth hier präsentiert, oder an seinen inhaltlichen Niedergängen, dem Ausweiden des eigenen Selbst, dessen, was Fühlen ist und von so vielen Menschen nicht thematisiert wird. Warum auch? Der Mensch hat stark zu sein und keine Mimose. Was ist schon eine Trennung? Etwas Schlimmes? Ach wo… die Frau verlässt dich und du leidest? Jetzt mach‘s aber mal halblang! Such dir irgendeine und nimm sie mit nach Hause… Ablenken ist die Devise. Und hab dich nicht so, dann war sie einfach nichts für dich, hat dich nicht verdient!

Phrasen, die wir alle kennen. Phrasen, die uns allen schon einmal, wie Phrasen nun einmal sind, garstig ins Gesicht peitschten und dabei doch nichts hinterließen.

Was aber ist, wenn ein Mann wirklich einmal eine Trennung seziert? Wirkt er dann weinerlich und schwach? Wirkt er wie eine Mimose, ein zu belächelndes Subjekt? Ich denke, dass recht viele Menschen im offenen Dialog genau das bestätigen würden. Daheim aber dann, wo die Einsamkeit auch manchmal in Gesellschaft ein Berater wird, denken viele, wenn sie ehrlich nur zu sich allein sind, anders darüber.

Natürlich darf man(n) auch Schmerz zulassen. Natürlich ist die vermeintliche Stärke, gerade der männlichen Vertreter unserer so genannten „zivilisierten“ Gesellschaft, nichts anderes als Maskerade und „Getue“. Stark ist, wer nicht fühlt. Was für ein Blödsinn. Stärke ist, was Thomas Jungbluth hier vorlegt. Thematisch, weil er sich über diese Konvention stellt, als Mann über das Fühlen zu schweigen und zum Heulen in den Keller zu gehen. Konzeptionell, weil er keine Rücksicht nimmt auf Personen, die ihn kennen und vielleicht verlachen werden. Und sprachlich, weil sich in seinem Text verschiedene Genres verbinden, die es fast unmöglich machen, das Buch in eine Schublade zu packen. Und allein das macht Kunst aus. Wenn sie nicht definierbar ist, aber anspricht.

Und mich hat sie angesprochen, Herr Jungbluth, sehr sogar. Sie hat mich mitgenommen auf den Trip in ein tief verletztes, in gewissem Sinne fragiles, aber doch auch mächtiges Ich. Und dieser Trip hat viel gezeigt. Sehr viel. Nicht nur das Borderline-ähnliche Selbstverletzen über die Ebene eines Gegenübers, das fast schon nach Masochismus roch, nicht nur die irgendwie nach Ansatzautismus schmeckende Feinfühligkeit, die hier als Hochsensibilität bezeichnet wird, sondern auch, dass wir Menschen uns mehr Mensch sein könnten, wenn wir abkämen von diesem seltsamen Dekret, stark sein zu müssen. Härte erweist sich als gesellschaftlich anerkanntes Muster einer Gemeinschaft, die so nach Weichheit schreit, heimlich… Und sehr, sehr wenige würden es offen zugeben. Vor allem dann, wenn es sich um Männer handelt.

„Mir war ab dem gewissen Point of no Return klar, dass ich dieses Buch schreiben
muss. Wie mir auch klar war, dass es eine harte Reise werden würde. Natürlich
heulte ich gerade am Anfang wie ein Schlosshund. Und natürlich glich es einem
tagelangen Tauchgang. Ich trank viel zu viel beim Schreiben, weil ich nüchtern
kaum eine Stunde Arbeit am Skript aushalten konnte. Und ja, weil da auch mein
emotionaler Wortschatz nur halb so hohen Ladepegel hat, schätze ich. Dabei will
ich weder eine Demontage noch eine Erhöhung, es musste raus aus meinem
Herzen und aus meinen Zellen, diese ganze Geschichte mit Dir, die diese so
einzigartige Bruchkante in meinem Leben darstellt und der Du für mich die
permanente Gefühlsmischung aus erstmaligem Ankommen und latenter
Gefährdung warst.“

Gut, dass Sie dieses Buch geschriebenen haben, dass Sie sich an der Vergangenheit gerieben haben und dabei kaum ein Blatt vor den Mund nahmen, Herr Jungbluth. Gut, dass Sie den Schritt gegangen sind und nun, mit Kammerflimmern Einblick in eine Auseinandernahme, eine Deinstallation einer Dualität geben und damit den LeserInnen sagen: Das, genau das, könntest auch DU sein.“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Stef Schmidt
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Mark Beneckes Vorwort zu M. Kruppes „Und in mir Weizenfelder“

Wir bedanken uns aufs Herzlichste bei Dr. Mark Benecke für sein Vorwort zu M. Kruppes „Und in mir Weizenfelder„:

„Kruppe war er ein Säufer. Er wütete, er träumte, er krauchte. Lachend, weinend, schluckend, in Licht und Gift und Sonne gebadet, oft genug mit einem fetten Schädel.

Viel Benn steckt dabei nicht in ihm, auch wenn ihn Kruppe zu den Altvorderen zählt. Doch Astern und Hirnschauer sickern hier nicht. Das ist auch gut so, denn Kruppe ist nicht depressiver Arzt und Pfarrerssohn, der mit preussischer Disziplin und dazu passendem Habitus durch die Welt schreitet. Kruppe ist Grufti. Allerdings einer, der die Sonne liebt. Der Kater hat ihm mehr als einmal das Licht ausgeknipst, und so schlägt er sich statt mit hautkranken Patient*innen, die ihn zu Tode langweilen, mit dem Jobcenter, Grundeinkommen, Zeitungsmeldungen und Mitfahrgelegenheiten herum.

Einige Abenteuer, angerichtet mit einer Messerspitze Bukowski, hat Kruppe erlebt. Es sind die Zuckerstreusel auf einem sonst ganz blinzelnden Werk. Wie durch Lamellenlücken strahlt für ihn rätselhaft Äußeres in seine Gedankenpfade, seien es Brücken im Frühling oder der freundliche Segen einer aus der Zeit gefallenen Hippiebraut in der Fußgängerzone. Solch Äußeres dringt zu Kruppe durch, es erreicht ihn kurz, doch dann verschwindet es auch wieder und macht einer Zuschauerinnen-Nase beim abendlichen Umtrunk, nach einer Lesung, Platz. Es rauscht in Kruppes Gedichten mehr als dass er rumpelt oder kracht.

Mir gefällt das. Denn wer arbeitet sich schon zeitgleich an geblendeten Youngsters, einem Bregen schnorrenden Hier und dem gealterten Karlsson ab? Well, Kruppe tut’s. Takin‘ it easy for all us sinners.

Man spürt, dass Kruppe kämpft. Seine Weizenfelder wurden Wodka. Doch vorher speicherten sie Sonne.

Viel Spaß beim Lesen.

Mark Benecke“

Das Buch kann unter unter diesem Link in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Jara Reker
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Michael Schweßingers Vorwort zu Hauke von Grimms „WortLand“

Wir bedanken uns herzlich bei Michael Schweßinger für sein Vorwort für Hauke von Grimms jüngst erschienenen Buch „WortLand„:

„Der große Filmemacher Edgar Reitz sagte einmal in einem Interview mit dem Deutschlandfunk:
„Die zweite Heimat“. Das ist das, was wir im Erwachsenenleben sozusagen durch Wahlverwandtschaften, durch eigene Entscheidungen, durch unser persönliches Wachstum auch in die Gesellschaft hinein neu begründen, für uns als Lebensraum schaffen.
Hauke von Grimms WortLand hat mich bei der Lektüre oft an diese Schaffung von Lebensraum erinnert. Wenn Hauke von Grimm gleich zu Beginn schreibt „meine Sprache ist der Ort, in dem ich Heimat erkenne“, dann sind wir mitten in dieser Suche angekommen. Manch einer mag beim Worte Heimat schon mit der Stirn runzeln und darauf verweisen, dass dieses Wort mit seiner breiten Oberfläche problematisch sei und offen für Interpretation bis hin ins abgestandene Brackwasser geistiger Borniertheit. Wenn ich während meiner Zeit in Rumänien die Menschen nach Heimat fragte, versuchte dieses Wort zu erklären, dann war die Antwort meistens, dass ich damit wohl nur die Familie meinen könnte. Ich meinte nicht die Familie, sondern diesen Sehnsuchtsort, jenseits von genealogischen Abstammungslinien.
Nun ist der Künstler immer im Zwist zwischen erster Heimat und zweiter Heimat. „Es ist nicht einfach dahin zurückzukehren, wo einen die Ursprünge auf den Weg des Lebens geworfen haben.“, schreibt Hauke von Grimm an anderer Stelle und verweist damit auf diese manchmal schmerzhaften Erinnerungen an die erste Heimat, die niemals mit unseren Wahlverwandtschaften deckungsgleich sind, und aus diesen Reibungen der Welten, zwischen Geworfenheit und Erschaffung, erscheint Sprache als Axt in der eigenen Wildnis. Schreiben als Urbarmachung von Wortland, in dem Heimat kein geografischer Ort mehr ist.

Michael Schweßinger“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Susanne Stoll
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Ralf Schönfelders Vorwort für M. Kruppes „Von Sein und Zeit“

Wir bedanken uns herzlich bei Ralf Schönfelder für sein Vorwort für M. Kruppes jüngst erschienenen Buch „Von Sein und Zeit„:

„Ich will Ihnen was verraten. Das „M“ in M. Kruppe steht für – halten Sie sich fest! – „Meister“ Kruppe. Wer jetzt an Meister Eckhart denkt, liegt richtig. Der Name ist ein kumpelhaftes Nicken von einem Mystiker zum anderen.

Was denn, was denn? Wieso der skeptische Blick? Sie glauben nicht, dass diese wilden Stories über Punks und Grufties und den Leipziger Kiez, über Chaostage und das verfluchte Geldverdienen, meistens im Vollrausch oder Halbkater verfasst, von einem Mystiker stammen? Na – Sie sind ja borniert heute Morgen!

Für mich liegt es auf der Hand: Die Texte in diesem Buch beginnen zu glühen, wenn Kruppe sich an eine mystische Erfahrung des Jetzt heranschreibt, immer wortwütiger und verzweifelter, weil sie sich einfach nicht fassen lässt. Er sitzt im Café und gibt den Fels im Arbeiterstrom, er trinkt im Garten und macht gute Miene zum Selbstbetrug der Spießer nebenan, er liegt am Lagerfeuer, betrunken von billigem Fusel. Und er spürt, wie die Grenzen der Realität durchlässig werden und er will es packen, dieses Etwas, das da gerade vor sich geht. Das Jetzt, die Wahrheit des Moments, das Gewahrsein, Jetzt, dieses Unbegreifliche, Unaufhellbare, Jetzt, wenn die Zeit weder kommt noch geht, Jetzt, dieses absolute Jetzt.

Und ich sage Ihnen noch was: Lassen wir uns nicht verscheißern von luftig gekleideten Damen und Herren aus der Eso-Ecke bei Thalia! Das absolute Jetzt hängt nicht in der Luft, es ist Teil der Erde. Kruppe ahnt es in der Natur, wie die großen Zenmeister. Dann wieder ahnt er es im ziellosen Umherwandern und in der Begegnung mit Menschen, wie vor ihm Henry Miller, noch ein mystischer Autor und einer von Kruppes literarischen Stammvätern.

In manchen Sätzen kommt Kruppe nah ran an das absolute Jetzt. Zum Beispiel, wenn er schreibt: „Der Regen kracht auf das Plastikdach.“ Beim „a“ von „kracht“, da fehlten nur noch 13 Millimeter. Dieses Dilemma hat übrigens schon William Blake gequält. Deshalb behauptete er in seinem Buch „Kiss the hunter of the green vest“, dass selbst der beste Dichter niemals näher als 7 Millimeter an das absolute Jetzt rankommt. Einerseits gibt es für Kruppe also noch Spielraum. Ist dieser Spielraum irgendwann ausgereizt, bleibt andererseits die Erkenntnis: Das Unsagbare kann nicht in Worte gefasst werden. Auch Kruppe wird diesen Stachel sein ganzes Schriftstellerleben lang im Arsch spüren.

Nun möchte ich aber mit einem Hoffnungsschimmer enden. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Autoren spontan das absolute Jetzt zu fassen kriegen, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Also, Meister Kruppe, hör nicht auf zu schreiben! Und vielleicht, eines Tages, kurz bevor dein Finger das „M“ auf der Tastatur berührt, wird Dich die Erfahrung überwältigen, dass du alle Worte längst beendet hast. In diesem Moment wirst Du dich fühlen wie ein schmelzender Koffer, der vom Himmel auf die Erde tropft. Wie gern würde ich mich dir dann wieder anschließen!

Ralf Schönfelder“

Das Buch kann bereits jetzt in unserem Onlinestore vorbestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
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