Rezension von Benjamin

„In der Vorstellung von Heimat liegt etwas Fremdes und in der Fremde findet sich immer etwas Vertrautes, das meine Erinnerung belebt.“ – Der Erzählsound Schweßingers setzt sich mit seiner unaufdringlichen Weisheit so in meinen Gedankengängen fest, dass ich kaum bemerke, wie er sich schon mit meinem Atem, meinen Lippenbewegungen beim Lesen dieser wundervollen Zeilen synchronisiert hat. In ihm wohnt so eine angenehme Melancholie, die aufwühlend und beruhigend zugleich ist.
Schweßinger taucht als Bäcker, als einer von vielen Servicekräften in die desillusionierenden Höllen eines apulischen Club-Betriebes während der Hochsaison und schreibt über die zahlreichen Scheinwelten einer solchen Urlaubshölle, angefangen vom künstlichen Dauerlächeln der Empfangsdame bis hin zur absurden Mechanisierung von Mitarbeitern, ausgelaugt und abgestumpft vom aufgezwungenen Wirtschaftswachstum, wo am Ende doch nur zwei Hände sind, die immer älter und schwächer werden und sich verkrampfen. In seiner Kritik bleibt er stets bodenständig. Seine Ansichten lassen sich nicht durch Wut verhärten und suchen einen Weg, die harten Panzer zu durchbrechen. Und so bleibt bei den kleinen Regelverstößen, die sich der Bäcker/Autor erlaubt, um weiter Mensch sein zu dürfen, beim Lesen immer ein Lächeln erhalten, etwa durch die Ablehnung lächerlicher Kleidungsvorschriften oder einen spontanen Anschlag mit Diamanda Galás aufs DJ-Pult zur Unterbrechung der vermeintlichen Dauerbespaßung durch Schlager. Auch das typische Deutschtum einiger Clubbesucher, die anstelle von neuen Abenteuern nur eine exakte Kopie ihrer Heimat mit dezentem italienischen Anstrich suchen, sorgen immer wieder für verzweifelt komische Momente.
Der Grundtenor der „Robinsonaden“ bleibt dennoch ein ganz anderer: “ …die Welt wird neu vermessen und die Landvermesser denken nicht mehr national. Sie haben ihre Lektion gelernt. Nur ihre Knechte denken national, sie denken rechts- oder linksnational und die Herren ziehen derweil stillschweigend den eisernen Vorhang nicht mehr zwischen Ost und West oder Nord und Süd, sondern zwischen oben und unten und amüsieren sich über den Kleinkrieg der Kleinen.“ Auf so wenigen Seiten verdichten sich so viele Facetten über die Folgen unseres Wirtschaftssystems und des immer mehr ansteigenden Wachstums, die eine dumpfe Hoffnungslosigkeit zurücklassen könnte… Schweßinger aber hat noch Hoffnung. Vielleicht nicht viel, aber was er hat, das teilt er in seinem Buch und so schafft er einen Zugang zu anderen Welten. Und wie das Reisen selbst enttäuscht seine Literatur die Angst.“

„Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ in unserem Onlinestore: bitte hier entlang.
_____________________________________________________________________________________