Dr. Rudolf Müllers Vorwort für Michael Haas´ „Die Augen meiner Tochter“

Zu Michael Haas´ Novelle „Die Augen meiner Tochter„, einer Liebeserklärung und zutiefst berührenden Offenbarung, schrieb der österreichische Verfassungsrichter a. D. Dr. Rudolf Müller ein Vorwort, für das wir uns ganz herzlich bedanken:

„Der Autor bittet einen Freund um ein Vorwort für eine Geschichte, die auch autobiographische Züge trägt. Dieser Freund kennt das autobiographische Personal „in reality“. Dem Freund ist nicht ganz klar, was der Autor von ihm, dem Juristen, erwartet: eine kontrastierend kühle, nüchterne Betrachtung des Gelesenen? Fehlanzeige, lieber Freund: Wie du mich gerufen hast, so musst du mich jetzt ertragen. Dein Text lässt weder Kühle noch Distanz zu. Man muss vielmehr gleichsam sein Innerstes offenlegen, um ihm gerecht zu werden.

Der Freund hat immerhin das große Glück, dass er dem Autor den Wunsch um ein Vorwort inter vivos erfüllen kann, ihm die Realität also holder ist, als es der Tochter in der berührenden Geschichte dieses Buches widerfährt. Es wird in diesem Buch nämlich gestorben. Aber auch mit dem Schicksal abgerechnet: „Es sind immer belanglose Geister, die phantasiebegabte Menschen verhöhnen“, heißt es, und an der derselben Stelle: „Es sterben immer jene zuerst, die das Leben zärtlich lieben“. Ja und nein, mein lieber Freund: Es kommt uns nur so vor, weil wir vom Sterben der Bösartigen und Belanglosen deutlich weniger Notiz nehmen als vom Sterben der zärtlich Liebenden. Gott sei Dank.

Auf der Metaebene lesen wir in diesem Buch eine große Geschichte der Seelenverwandtschaft zwischen einem Vater und seiner Tochter. Der Ich-Erzähler, dessen Rückblick und Umblick auf sein Leben während seines langsamen Sterbens die Erzählung – stellenweise unterbrochen von Tagebucheintragungen der Tochter – trägt (die Dramaturgie gemahnt ein wenig an die Strauss’sche Tondichtung „Tod und Verklärung“), dieser Ich-Erzähler muss den Epilog schließlich seiner Tochter überlassen.

In mir keimender Verdacht ist ein zweifacher: Zum einen verpackte der Autor in den Epilog der Tochter in Wahrheit seine eigenen Gefühle und zum anderen geht es in der autobiographischen Folie der Geschichte nicht nur um die Tochter! Es geht in der Geschichte um zwei Frauen, die – wie der Freund weiß – um die Lebensmitte in das Dasein des Autors getreten sind. Die Liebe dieser beiden Frauen haben seine Gefühlswelt auf zwei Ebenen, auf jener der geliebten Frau und jener einer geliebten Tochter mit aller denkbaren Radikalität in Anspruch genommen. Luise und Gretchen heißen sie im Buch. Es gibt in diesem Buch Momente, da glaubt man sich in eine der schönsten Liebesgeschichten der deutschen Literatur versetzt, nämlich in Tucholskys „Rheinsberg“.

Zugleich legt uns der Autor aber auch eine Spur zu seinem Bild von sich selbst. Und es ist das Bild eines unglaublich fantasiereichen, hoch gebildeten Humanisten, der den Kopf in den Wolken hat, während er uns Mitmenschen in aller Zärtlichkeit über den Scheitel streichelt. Dieses Bild spiegelt die gesamte Erzählung wider. Es wird uns eine unendlich sympathische und nicht nur garantiert ganz unschädliche, sondern für jene, die ihm begegnen, – also nicht nur für seine Freunde – geradezu therapeutisch wirksame Form einer Philanthropie vorgeführt, mit der der Autor seine Mitmenschen beglückt. Er gibt seinem alter ego der Geschichte nicht zufällig den Beruf eines Psychotherapeuten, den er über die weit verbreitete physische und psychische Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, aber auch Männern, sowie über das „Stockholm-Syndrom“ jener Opfer räsonieren lässt, die beim Mediator nur den Beweis dafür suchen, dass ihr Partner ein Alptraum ist. Wenn man Michael Haas ein wenig näher kennt, dann weiß man, dass die Liebe zu den Menschen der letzte Grund und Zweck seiner eigenen Existenz, also ein geradezu metaphysisches Element seiner selbst ist. Seine Glut hat in seinen beiden Lebensfrauen die passenden Brandbeschleuniger gefunden.

Der Text stellt hohe Anforderungen an die humanistische Bildung der Leser, vor allem ist er aber eine Einladung an die leserische Seele, sich in die Bilder fallen zu lassen, die der Autor vor uns entfaltet. Und er führt uns ein – gottlob fiktives – Ende eines Menschen vor Augen, den nur ein ebenso liebender Tod zu umarmen vermag: Der Held der Geschichte stirbt in der „Gewissheit, dass meine Frau und mein Kind eine Liebe kennen, die mich erreicht, wo immer ich bin“. In der Realität hat sich der Tod vom Autor – vielleicht genervt von so viel Liebesfähigkeit – glücklicherweise vorerst einmal abgewendet und ich bin überzeugt und hoffe mit ganzem Herzen darauf, dass er es so bald nicht noch einmal versuchen wird. Damit dem Freund Gelegenheit gegeben wird, dem Autor noch oft zu begegnen. Daher: Ad multos annos, mein lieber Freund!“

Das Buch kann in unserem Onlinestore bestellt werden. Herzlichen Dank!

Bildnachweis: Privat
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